Jamaika-Sondierungen von FDP und Grünen: Das große Sticheln

20. Oktober 2017 - 8:26 Uhr

FDP und Grüne nähern sich an – dabei hatten sie sich vor den Wahlen bekriegt

In trauter Eintracht stehen die Parteigrößen von FDP und den Grünen nebeneinander auf dem Balkon des ehemaligen Reichstagspräsidenten-Palais und winken. Dann gehen sie hinein und die Reise nach Jamaika beginnt. Nach den ersten Sondierungsgesprächen mit der Union waren jetzt die kleineren Parteien dran, Möglichkeiten für eine Koalition auszuloten. Das Treffen sollte vor allem eine Vertrauensbasis schaffen. Denn die inhaltlichen Differenzen zwischen FDP und Grünen sind groß - und beide Parteien hatten sich im Bundestagswahlkampf heftig attackiert. Auch jetzt ging es erst einmal darum, sich richtig in Szene zu setzen.

Christian Lindner attackiert Angela Merkel

"Jetzt geht es erst mal darum, dass man sich kennenlernt, die FDP war die letzten vier Jahre ja nicht so oft in Berlin", stichelte Grünen-Parteivorsitzender Cem Özdemir. Doch von Bescheidenheit war bei den Liberalen wenig zu spüren: "In meiner eigenen Bescheidenheit sage ich: Wir können alles, ich kann auch Kanzler", so FDP-Vize Wolfgang Kubicki.

FDP-Chef Christian Lindner hatte noch kurz vor der Begegnung mit den Grünen etwas in eigener Sache zu erledigen: Er stellte sein Buch "Schattenjahre" vor - pünktlich zum Comeback der FDP in Berlin. Auf dem Termin machte er sich auch Gedanken um die nächste Amtszeit von Angela Merkel: "Es ist nicht ausgeschlossen, dass Frau Merkel anstrebt, 20 Jahre Kanzlerin zu sein. Näherliegend ist jedoch, dass sie sich einen Zeithorizont vornimmt wie Helmut Kohl." Es wird sicher nicht die letzte Spitze in Richtung Kanzlerin gewesen sein.​

FDP und Grüne sind auch weiterhin keine Wunschpartner

FDP-Generalsekretärin Nicola Beer (l) und Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner
FDP-Generalsekretärin Nicola Beer und Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner sind optimistisch, dass es mit Jamaika klappt.
© dpa, Bernd von Jutrczenka, bvj

Die Seitenhiebe und Sticheleien zeigen: FDP und Grüne sind auch weiterhin keine Wunschpartner. Michael Kellner, Bundesgeschäftsführer der Grünen, zog nach dem dreistündigen Treffen dennoch eine positive Zwischenbilanz: "Wenn es zu einer Regierung kommen würde, haben wir ein gemeinsames Interesse. Wir wollen nicht einfach den ausgetretenen Pfaden der Union folgen." Gemeinsamkeiten gab es demnach bei Bürgerrechten und Digitalisierung, Probleme unter anderem bei der Energiepolitik und Europa. Zu Details der Gespräche sagten die Teilnehmer aber nichts. Auch FDP-Generalsekretärin Nicola Beer zeigte sich optimistisch: "Aus unserer Sicht war das Gespräch geprägt von Konzentration und gegenseitigem Respekt. Es hatte eine größere programmatische Lebendigkeit."

Richtig lebendig wird es Freitag. Dann treffen sich erstmals alle vier Parteien in großer Runde. Vor allem in der Flüchtlingsfrage gibt es noch viel Zündstoff.