'Jahrbuch Sucht 2017': Alkohol ist weiterhin beliebt, Interesse an Zigaretten sinkt

12. April 2017 - 13:37 Uhr

Laut 'Jahrbuch Sucht 2017' werden mehr Medikamente verschrieben

Menschen in Deutschland haben unverändert große Lust auf Alkohol, greifen aber deutlich seltener zur klassischen Zigarette. Noch rund 920 Fertigzigaretten rauchte jeder Einwohner statistisch gesehen im vergangenen Jahr, rund 100 weniger als 2012. Das geht aus dem 'Jahrbuch Sucht 2017' hervor, das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Berlin vorgelegt hat. 

Wie sollen Ärzte der Sucht vorbeugen?

Insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene rauchten demnach deutlich weniger als in den Jahren zuvor. E-Zigaretten sind laut Bericht bislang kaum im Alltag der Menschen angekommen. Seit längerem starke Zuwächse gibt es dagegen bei der Nachfrage nach Pfeifentabak, etwa für Wasserpfeifen.

Keinen Grund zur Entwarnung sehen die Experten bei Bier, Wein, Schnaps und Co. Der Konsum stagniert demnach seit 2013 auf hohem Niveau. Auf jeden Bundesbürger kam nach jüngsten verfügbaren Schätzungen im Jahr 2015 knapp ein Putzeimer reinen Alkohols: 9,6 Liter. Den Verbrauch in Deutschland schätzten die Jahrbuch-Autoren im internationalen Vergleich als "besonders hoch" ein.

Arzneimittelabhängigkeit in Deutschland steht auf Platz zwei aller Abhängigkeiten: nach Tabak, aber vor Alkohol – und es herrscht eine hohe Intransparenz in diesem Bereich. Dies betrifft insbesondere die Verordnungen von Schlafmittel und Beruhigungsmitteln. Zwar werden bestimmte Mittel aus der 'Benzodiazepin-Familie' (Valium und Co.) zahlenmäßig weniger verordnet, es kommt aber gleichzeitig zu einem deutlichen Verordnungsanstieg bei Schlafmitteln. Der Anteil der hierfür privat ausgestellten Rezepte ist gestiegen, Kassenrezepte werden deutlich seltener ausgestellt.

Auch Schmerzmittel werden sehr oft gekauft - vor allem von Frauen über 65 Jahren. Man kann durchaus behaupten, dass Medikamentenabhängigkeit vor allem in diesem Alter anfängt: Der Körper hat sich über Jahre an die Wirkstoffe gewöhnt und braucht davon immer mehr. Das meistverkaufte nicht rezeptpflichtige Mittel ist übrigens Nasenspray.

Wie kann man gegen Medilkamentensucht vorgehen?

Experten der DHS schlagen die 'K4'-Regel vor, die Missbrauch verringern sollen:

- Klare Indikation: Verschreibung nur bei klarer vorheriger Indikationsstellung und Aufklärung des Patienten über das bestehende Abhängigkeitspotenzial und mögliche Nebenwirkungen, keine Verschreibungen an Patientinnen und Patienten mit einer Abhängigkeitsanamnese

- Korrekte Dosierung: Verschreibung kleinster Packungsgrößen, indikationsadäquate Dosierung

- Kurze Anwendung: Therapiedauer mit Patientinnen und Patienten vereinbaren, kurzfristige Wiedereinbestellungen, sorgfältige Überprüfung einer Weiterbehandlung

- Kein abruptes Absetzen - zur Vermeidung von Entzugserscheinungen, ausschleichend abdosieren