Tödlicher Schuss in Dalberg

Jäger Harald S. erschoss Lisette W.: Keine Erste Hilfe, dafür Gnadenstoß fürs Wildschwein

15. August 2019 - 10:24 Uhr

Dalberg: Ortstermin am Tatort

War der tödliche Schuss auf die Rentnerin Lisette W. ein Unfall oder nicht? Um diese Frage weiter zu klären, hat das Gericht heute die Verhandlung am Ort des Geschehens stattfinden lassen. Dort hat auch erstmals der Angeklagte Harald S. ausgesagt.

Harald S. wird fahrlässige Tötung vorgeworfen

Am Ortsrand von Dalberg (Kreis Bad Kreuznach) haben sich Prozessbeteiligte, Zuschauer und Pressevertreter auf dem Grundstück von Lisette W. am Rand eines steil abfallenden Waldstücks  getroffen. Es ist die Stelle, an der im November 2018 der heute 61 Jahre alter Jäger Harald S. bei einer sogenannten Drückjagd einen Schuss abgegeben haben soll, der die 86-jährige Rentnerin in ihrem Garten traf und tötete. Vorgeworfen wird ihm fahrlässige Tötung.

Schuss soll sich versehentlich gelöst haben

Lisette W. und ihr Enkel.
Lisette W. und ihr Enkel.
© Privat

Harald S. äußerte sich heute erstmals zu den Vorwürfen. Seit Jahren würde er bei der Jagd an der gleichen Stelle stehen, nämlich oberhalb des Hauses von Lisette W. An jenem Tag im Novemeber 2018 hätte er mehrmals, der Vorgabe der Jagdleitung entsprechend, nach oben in den Hang geschossen. Die Ermittler gehen davon aus, dass er zuerst auf ein Wildschwein, dann auf einen Frischling schoss. Dann sei der Angeklagte allerdings ausgerutscht und habe sich um 180 Grad gedreht. Dabei habe sich ein Schuss gelöst. Ein Schuss, "den ich nicht abgeben wollte", sagte der Mann und erklärte weiter: "Es war ein Unfall."

"Dann gingen die Lampen aus": Harald S. leistete keine Erste Hilfe

14.08.2019, Rheinland-Pfalz, Dalberg: Der Angeklagte steht mit dem Rücken zu einem Schild, an dem die sitzungspolizeiliche Verfügung angebracht ist. Ein Jäger will aus Versehen eine Frau im Garten erschossen haben. Das Gericht wirft dem Angeklagten f
Der Angeklagte steht mit dem Rücken zu einem Schild. Ein Jäger will aus Versehen eine Frau im Garten erschossen haben.
© dpa, Andreas Arnold, arn jat

Der Jäger berichtete weiter, er sei wenig später zu einem von einem Hund gestellten Wildschwein gegangen. Dabei sei er an Lisette W. vorbeigekommen, die auf der Treppe an ihrem Grundstück lag. Die 86-Jährige war gerade dabei, Walnüsse zu sammeln, ihr Körbchen lag noch neben ihr. Der Angeklagte habe die Frau angesprochen, gesehen dass sie lebt. Einen Zusammenhang mit seinem Schuss habe er nicht gesehen.

Erste Hilfe habe Harald S. nicht geleistet, sondern sich zunächst um das angeschossene Wildschwein gekümmert. Er habe den verwundeten Frischling mit einem Messer getötet, sei erst kurz darauf zurückgekehrt und habe den Jagdleiter informiert, berichtet RTL-Gerichtsreporter Karl Wirz. Der Veranstalte habe dann auch den Notarzt gerufen. "Und dann gingen - auf Deutsch gesagt - die Lampen aus. Mir war nur schlecht, ich kann mich an nichts mehr erinnern danach, habe nur gekotzt", beschreibt Harald S. die Situation vor dem Grundstück.

Gutachter: Mindestens zwei Schüsse abgefeuert

Der Gutachter widerspricht der Aussage des Angeklagten: Er sei zu dem Schluss gekommen, dass mindestens zwei Schüsse abgegeben wurden. Ein Sachverständiger unterstützt dies, er habe oberhalb des Standorts der Frau ein Loch in einem Ast gefunden, das wohl von einer Kugel stammt. Zudem sei erwiesen, dass sich Harald S. zum Zeitpunkt der Schüsse auf dem Grundstück von Lisette W. befand. Durch ein Gartentor sei der ca. 50 Meter weit auf in die Ortslage gelaufen. Die Erkenntnisse der Ortsbegehung müssen jetzt ausgewertet werden. Zwei weitere Prozesstermine am Amtsgericht Bad Kreuznach sind angesetzt.