Lee Childs Thriller-Held

Jack Reacher: Der knallharte Ex-MP

Tom Cruise als Jack Reacher im gleichnamigen Film
© dpa, Karen Ballard

08. Dezember 2020 - 15:18 Uhr

Eigentlich ist Reacher nicht auf der Suche nach Ärger, aber...

Seit mittlerweile über 20 Jahren zieht Jack Reacher ruhelos kreuz und quer durch die USA. Und eigentlich ist er nie auf der Suche nach Ärger. Wollte man Reacher mit einem Song beschreiben, träfe es allerdings "Trouble" von Elvis sehr gut: "I never look for trouble, but I never ran, I don't take no orders from no kind of man". Der Ärger findet meist ihn, und er stellt sich.

Willkommener Sündenbock

Es beginnt mit der Suche nach dem Grab eines Blues-Sängers namens Blind Blake, der in der kleinen Stadt Margrave (US-Bundesstaat Georgia) zu Tode gekommen seine soll. Reachers Bruder Joe hat ihm vor kurzem darüber geschrieben, und nach seinem Ausscheiden aus der Militärpolizei dachte Reacher, er könnte der Geschichte mal nachgehen.

Und da passiert es, High Noon, Eno's Diner in Margrave. Der Ärger findet den gerade angekommenen und vom Regen durchnässten Mann über Rührei und Kaffee und rempelt ihn an. Er wird verhaftet. Er soll jemanden ermordet haben, in Margrave, als er noch gar nicht da war. Er lässt es geschehen und merkt in seiner lakonischen Art für sich selbst an: "Erstens konnten sie nicht beweisen, was nicht passiert war. Und zweitens hatte ich niemanden umgebracht. Zumindest nicht in ihrer Stadt und in letzter Zeit."

» Lese-Tipp: Rezension zum Reacher-Krimi "Der Bluthund"

Noch immer ein Fremdkörper in der zivilen Welt

Der Tote ist – wie sich später herausstellt – Reachers Bruder Joe. Und damit vollendet sich seine Backstory. Der 37-jährige ehemalige Militärangehörige ist komplett entwurzelt, sein Bruder Joe war sein letzter noch lebender Verwandter. Eine geografische Heimat hat er nie besessen – geboren in Berlin, wuchs er als Sohn eines US-Soldaten auf Stützpunkten rund um die Welt auf. Schließlich trat er selbst in die Army ein, zog wieder von Stützpunkt zu Stützpunkt, bis er die Armee verließ.

Das konfrontierte ihn schließlich erstmals mit den recht existentiellen Fragen: Was will ich eigentlich tun und wie will ich eigentlich leben? Die Antwort ist eine spontane Eingebung (am Ende des 16. Bandes der Reacher-Reihe "Der letzte Befehl"* 🛒, der ein halbes Jahr vor den Ereignissen des ersten Bandes spielt). Reacher will im Pentagon seine Entlassungspapiere abgeben, steckt sie aber stattdessen in den Briefkasten: "Ich war 36 Jahre alt, Bürger eines Landes, das ich kaum kannte, und es gab Orte, die ich sehen, und Dinge, die ich tun wollte […] Ich wählte die nächste Ausfallstraße, stellte einen Fuß auf den Randstein und einen auf die Fahrbahn und reckte den Daumen hoch."

Allerdings wird an dieser Ausfallstraße und auf dem Weg zu all den anderen Ausfallstraßen, an denen er in den nächsten Jahren einen Fuß auf den Randstein und einen auf die Fahrbahn stellt und den Daumen hochreckt – deutlich, dass er nach 36 Jahren, die er in ausschließlich militärischen Umfeld verbracht hat, in der Welt der "Zivilisten ein Fremdkörper" bleibt.

Eine klare Vorstellung von Gut und Böse

Mittlerweile geht Reacher auf die 60 zu und ist noch immer unterwegs. Er bedient seither einen uralten Mythos, den des Einzelgängers, der – sollte es erforderlich sein – Gerechtigkeit walten lässt. Es sind klare Analogien zum Motiv des Westerns erkennbar. Der Held kommt aus dem irgendeinem Nirgendwo, um nach vollbrachtem Werk in die nächstbeste Ungewissheit zu verschwinden, nur nicht auf einem Pferd, sondern in einem Greyhound-Bus, Zielort egal. Ebenso findet sich das Bild des "Knight-Errant", des "umherirrenden", fahrenden Ritters, der aus seiner angestammten Welt ausbricht, um Abenteuer zu erleben. Die Motive solcher Ritter waren unterschiedlich – sie taten es für Ruhm, Geld, die Liebe einer Frau oder ein sogenanntes Höheres Gut.

Auch wenn Reacher hin und wieder kurze Beziehungen hat, so liegt seine Motivation klar in letzterem. Es geht im stets um das Wohl des Schwächeren, desjenigen, der ausgeliefert und machtlos ist, und um Gerechtigkeit. Allerdings nicht im juristischen, sondern eher im moralisch-ethischen bis idealistischen Sinne. Im Kampf zwischen Gut und Böse hat Reacher eine sehr klare Vorstellung davon, wo die Frontlinie verläuft. Und so wie es aussieht, wird er den Rest seines Lebens an dieser Front kämpfen, wo auch immer sie ihn in den nächsten Jahren hinführen mag.

*Wir arbeiten in diesem Beitrag mit Affiliate-Links. Wenn Sie über diese Links ein Produkt kaufen, erhalten wir vom Anbieter eine Provision. Für Sie entstehen dabei keine Mehrkosten. Wo und wann Sie ein Produkt kaufen, bleibt natürlich Ihnen überlassen.