Pro & Contra

Ist Joachim Löw noch der richtige Trainer für Deutschland?

18. November 2020 - 14:45 Uhr

Geht es mit Joachim Löw weiter?

0:6 ist Deutschland in der Nations League in Spanien untergegangen. Es ist die höchste Niederlage einer Fußball-Nationalmannschaft seit 89 Jahren. Die Kritik an Bundestrainer Joachim Löw gipfelt in der Frage, ob er noch der richtige Trainer ist, um den Umbruch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu gestalten. Zwei Meinungen.

Update: Bei einem Krisengipfel mit den DFB-Spitzenfunktionären wurde am Mittwochmorgen beschlossen, dass Joachim Löw als Bundestrainer ins neue Jahr geht.

Pro: Gebt Jogi noch eine Chance

Erinnern Sie sich noch? 2006 gab es kurz vor der Weltmeisterschaft das "Fiasko von Florenz" – die deutsche Nationalmannschaft ging mit Jürgen Klinsmann und Co-Trainer Jogi Löw in Italien sang- und klanglos unter. Eine 1:4-Pleite und das nur drei Monate vor dem Turnier im eigenen Land. Und was folgte? Das Sommermärchen, mit dem sich das DFB-Team zurück in unsere Herzen spielte.

Manchmal braucht es vielleicht genau so einen Schuss vor den Bug – und dann lieber sieben statt drei Monate, bevor die Top-Leistung zurück auf dem Platz sein muss.

Dass wir erst am 3. September gegen Spanien ein 1:1 erreicht haben, daran erinnert sich momentan wahrscheinlich niemand. Verständlich. Wenn Löw es Anfang September aber schaffte, seine Mannschaft ordentlich einzustellen, wieso soll ihm das 2021 nicht wieder gelingen? So bitter und historisch die Klatsche auch ist, gilt es doch auch, die Ruhe zu bewahren.

Und genau das kann Löw. Von öffentlichen Diskussionen hat er sich seit seinem Amtsantritt 2006 als Cheftrainer der Nationalmannschaft nur selten aus dem Konzept bringen lassen. Die Erfahrung spricht für ihn. Und wenn er sich dann nach der EM und einem überzeugenden Turnier unserer Jungs vom Posten verabschiedet, bekommt er auch den Abgang, den sich unser WM-Coach verdient hat. Und diese Chance sollten wir ihm geben.

Stimmen Sie ab

Mehr zur Nationalmannschaft

Contra: Es wird düster für Jogi

Die erschreckend hilflose Vorstellung der Nationalmannschaft in Sevilla hat schonungslos alle Baustellen offengelegt, die die Truppe von Bundestrainer Joachim Löw seit Monaten nicht schließen kann: Defensive, Spielidee und Führungskultur – all dies stimmt beim DFB nicht. Genau das verleiht der Gretchenfrage, ob Löw noch der richtige Mann für die deutsche Elite-Auswahl ist, allerhöchste Brisanz.

Vielleicht nähert man sich der Suche nach einer Antwort am besten im Konjunktiv. Was wäre, wenn ein Trainer einen Neuanfang ausruft, so wie es Löw nach dem WM-Debakel von 2018 tat, eine neue Identität, mehr Frische verspricht, eine neue Spielphilosophie – diese aber auch mit der Zeit nicht klar erkennbar wird und das Vorhaben vorläufig in einer epochalen 0:6-Tragödie endet?

Dann käme man ganz objektiv wohl zu dem Schluss, dass entweder zu wenig Zeit war, den geplanten Umbruch zu vollziehen, oder dass der Trainer sein Versprechen schlichtweg nicht einlösen kann. Das Pendel in der öffentlichen Debatte schlägt inzwischen klar in letztere Richtung. Die Resultate der Löw-Truppe stimmten zwar im Großen und Ganzen irgendwie, aber die große Verheißung einer neuen Titel-Ära ist trotz sehr talentierten Personals nicht in Greifweite. Genau das ist aber das Ziel, das dick auf der DFB-Fahne geschrieben steht.

Nominell verfügt die deutsche Mannschaft über einen erstklassigen Kader, aber die Teile scheinen einfach nicht zusammenzufinden. Für einen Trainer ist das ein dickes Problem, denn es liegt an ihm, eine Mannschaft zu formen.

Löw hat sich entschieden, den Umbruch ohne die altgedienten Führungsspieler Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller zu vollziehen. Wenn man noch einmal auf die Baustellen beim DFB blickt, muss man beinahe zu dem Schluss kommen, dass das eine Fehlentscheidung war.

So oder so: Der Druck auf Löw wird in den kommenden Wochen riesig werden, die im Raum stehenden Personalien Hummels, Boateng und Müller könnten zum Stolperstein werden. Denn: Holt der Trainer die Spieler zurück (was er vorerst wiederholt ausschloss), gesteht er Fehler ein. Verzichtet er weiter auf sie, werden Kritiker ihm Starrsinn vorwerfen. Es scheint, als hätte Löw seinen Kredit verspielt. Kann auf diesem Boden überhaupt noch ein Erfolgs-Pflänzchen gedeihen?