Israel startet Offensive im Gazastreifen - Bodentruppen mobilisiert

Rauch und Flammen nach einem Angriff auf Rafah im südlichen Teil des Gazastreifens.
© REUTERS, IBRAHEEM ABU MUSTAFA

17. Juli 2014 - 20:12 Uhr

Möglicher Auftakt eines neuen Gaza-Kriegs

Bei einer massiven israelischen Offensive im Gazastreifen und einem Angriff militanter Palästinenser in Israel sind mindestens 21 Menschen getötet worden. Unter den getöteten Zivilisten seien auch drei Kinder, teilte der Sprecher der örtlichen Rettungsdienste, Aschraf al-Kidra, mit. Bei einem fehlgeschlagenen Angriff auf eine israelische Militärbasis nördlich des Gazastreifens sind nach israelischen Angaben vier militante Palästinenser getötet worden. Erstmals seit Ausbruch der neuen Krise haben Extremisten offenbar auch die israelische Metropole Tel Aviv beschossen. Die Behörden lösten Luftalarm aus. Nach Medienberichten wurde die Rakete abgefangen. Die Luftschläge gelten als möglicher Auftakt eines neuen Gaza-Kriegs. Nach Angaben des israelischen Militärsprechers Arye Shalicar hat die Armee grünes Licht für die Mobilisierung von bis zu 40.000 Reservesoldaten gegeben.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) warnte vor einer militärischen Konfrontation, die völlig außer Kontrolle geraten könnte. "Durch den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen ist eine Lage entstanden, die eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt in Gang zu setzen droht", erklärte er. "Ich hoffe, dass auf allen Seiten die Einsicht herrscht, dass eine militärische Konfrontation vermieden werden muss, die völlig außer Kontrolle gerät."

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wies die Armee an, auch Vorbereitungen für eine mögliche Bodenoffensive im Gazastreifen zu treffen. Im Kampf gegen die Hamas sei es an der Zeit, "die Samthandschuhe auszuziehen", sagte er. Israel will mit der Operation "Zuk Eitan" (Fels in der Brandung) den ständigen Raketenbeschuss seiner Ortschaften unterbinden. Der jüdische Staat hält auch eine Ausweitung der Raketenangriffe auf den Großraum Tel Aviv für wahrscheinlich.

Die Armee teilte mit, bislang habe die Luftwaffe 150 "Terror-Ziele" im Gazastreifen angegriffen. Nach palästinensischen Angaben wurden auch ranghohe Hamas-Aktivisten getötet, darunter der Marinekommandeur Raschid Jassin. Seit Beginn der israelischen Luftoffensive seien von palästinensischer Seite etwa 130 Raketen auf israelische Ortschaften abgefeuert worden. In Chan Junis im südlichen Teil des Küstenstreifens kamen nach Angaben von Sanitätern vier Menschen bei einem Angriff auf ein Haus ums Leben. Fünf Mitglieder der radikalen Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad seien bei einem gezielten Angriff auf ein Auto in der Stadt Gaza getötet worden. Ein Hamas-Mitglied sei zudem im Zentrum des Gazastreifens getötet worden.

Raketen-Trümmerteile treffen deutsches Kreuzfahrtschiff

Auslöser der jüngsten Gewalt waren die Entführung und die Ermordung von drei jüdischen Teenagern am 12. Juni sowie der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen in der vergangenen Woche. Israel ist seit der Entführung massiv gegen die Infrastruktur der Hamas im Westjordanland vorgegangen und hat Hunderte von Mitgliedern der Organisation festgenommen. Die Hamas fordert als Bedingung für ein Ende der Raketenangriffe ihre sofortige Freilassung sowie eine Aufhebung der Blockade des Küstenstreifens durch Israel und Ägypten.

Die Hamas hatte am Montagabend Dutzende Raketen auf Israel abgefeuert. Die israelischen Streitkräfte teilten mit, es seien Ortschaften im Umkreis von 40 Kilometern vom Gazastreifen angegriffen worden. Zahlreiche Raketen seien von einem Abwehrsystem abgefangen worden. Auch am Tag danach dauerten die Raketenangriffe auf Israel an. In einem Umkreis von 40 Kilometern Entfernung wurden die Menschen angewiesen, sich in der Nähe von Schutzräumen aufzuhalten.

Insgesamt verfügt die Hamas nach israelischen Angaben über etwa 10.000 Raketen mit Reichweiten bis etwas nördlich von Tel Aviv. Der israelische Verteidigungsminister Mosche Jaalon stimmte das Militär auf einen längeren Einsatz ein. "Wir bereiten uns auf eine Operation gegen die Hamas vor, die nicht innerhalb von Tagen enden wird", sagte Jaalon nach einem Treffen mit Armeekommandeuren. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas forderte Israel auf, die "Eskalation und die Angriffe auf Gaza unverzüglich zu stoppen".

Auswirkungen des Konflikts bekamen auch 2.700 Passagiere und Besatzungsmitglieder des deutschen Kreuzfahrtschiffes 'Aida Diva' zu spüren. Beim Auslaufen aus dem israelischen Hafen von Aschdod etwa 30 Kilometer nördlich des Gazastreifens fielen am Montagabend Raketen-Trümmerteile auf das Deck. Die Urlauber kamen mit dem Schrecken davon. Mittlerweile hat das Kreuzfahrt-Unternehmen Aida Cruises entschieden, bis Ende August keinen israelischen Hafen mehr anzusteuern. Das Auswärtige Amt hat seine Sicherheitshinweise für Israel verschärft. Innerhalb eines Radius von 40 Kilometern um den Gazastreifen werde von nicht notwendigen Aufenthalten abgeraten, erklärte das Ministerium. Reisende sollten sich über Schutzräume und das Verhalten bei Raketenangriffen informieren.