Islamist und Dealer - Hatte sich Anis Amri vor dem Berlin-Anschlag mit Drogen aufgeputscht?

16. Januar 2017 - 14:50 Uhr

Amri finanzierte sich durch Drogen

Rund einen Monat nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt werden sich in dieser Woche voraussichtlich mehrere Gremien des Bundestags mit dem Fall befassen. Inzwischen werden immer mehr Details zum Attentäter Anis Amri bekannt. So soll er sich weitgehend als Dealer finanziert und auch selbst Drogen konsumiert haben. Das berichtet die 'Welt am Sonntag' unter Berufung auf den Sachstandsbericht für das Kontrollgremium.

Hätten die NRW-Behörden den Anschlag verhindern können?

Amri war dem Bundesamt für Verfassungsschutz und dem Bundesnachrichtendienst als möglicher Gefährder bekannt, der jederzeit einen Anschlag in Deutschland verüben könnte. Ermittler waren dem Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vor seinem Anschlag über Monate hinweg deutschlandweit auf der Spur, wussten um seine Besuche in Salafisten-Moscheen und kannten den abgelehnten Asylbewerber unter mindestens 14 verschiedenen Namen. Eine geplante Ausweisung in sein Heimatland scheiterte allerdings an fehlenden Personalunterlagen aus Tunesien.

Ein V-Mann des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts soll engen Kontakt zu Amri gehabt haben: Der verdeckte Ermittler soll den Tunesier mindestens einmal im Auto nach Berlin gefahren haben. Amri vertraute dem V-Mann offenbar, erzählte ihm, dass er sich Schnellfeuergewehre für einen Anschlag besorgen wolle. Der V-Mann soll diese Information gleich zweimal weitergegeben haben. Doch die Behörden in NRW unternahmen nichts. Die FDP fordert nun den Rücktritt des zuständigen NRW-Innenministers Ralf Jäger. "Herr Jäger hatte die Möglichkeit, Amri festzusetzen - das hat er nicht getan", sagte der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner. "Wegen dieses Behördenversagens und dieser Fehleinschätzungen danach muss dieser Mann sein Amt räumen."​

Union und SPD fordern Untersuchungsausschuss

​Zur Aufklärung von Behördenpannen im Umgang mit dem Tunesier erwägen Union und SPD die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses im Bundestag. Bundesinnenminister Thomas de Maizière unterstützt den Vorstoß. Er sei "sehr offen" für einen Untersuchungsausschuss, erklärte der CDU-Politiker. "Die Entscheidung über die Einsetzung sollte jetzt schnell fallen. Unsere chronologische Aufarbeitung der Vorgänge, die wir in Kürze vorlegen werden, wird eine gute Grundlage für die Arbeit des Ausschusses sein."

Amri hatte am 19. Dezember einen Lastwagen in einen Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche gesteuert, 12 Menschen getötet und mehr als 50 verletzt. Der Islamist wurde wenige Tage später bei einer Polizeikontrolle in Mailand erschossen.