Islamischer Staat setzt auf 'einsame Wölfe': Darum steigt die Gefahr von Anschlägen durch Einzeltäter

24. März 2017 - 16:21 Uhr

Messer und ein Auto reichten dem Terror-Mörder

Kein Gewehr, keine Pistole, der Attentäter von London hatte nur ein Messer und ein Auto. Doch das reicht, um zu töten und Angst und Schrecken zu verbreiten. Ob der Täter mit einer Terrororganisation in Verbindung stand, ob er einen Auftrag ausgeführt hat, ist noch nicht klar. Gemordet hat er jedenfalls alleine - und das direkt am Parlament, obwohl die Polizei in London sich intensiv auf die Abwehr von Terroranschlägen vorbereitet hat.

"Einzeltäter sind für den IS im Moment der sicherste Weg"

Vor gerade mal drei Tagen hat die Polizei in London geübt, was im Terror-Ernstfall zu tun ist. Das Szenario am Sonntag: Terroristen haben ein Ausflugsschiff auf der Themse in ihre Gewalt gebracht. Spezialkräfte versuchen, die Täter zu überwältigen. Auf solche Lagen können sich Sicherheitskräfte zumindest ansatzweise vorbereiten.

Angriffe einzelner Täter aber sind unberechenbar. So wie der jenes Mannes, der 2015 mit einem Messer in der Londoner U-Bahn um sich gestochen und drei Menschen verletzt hatte.

"Einzeltäter sind für den IS im Moment der sicherste Weg", sagt RTL-Reporter Christoph Lang. "Für komplexere Anschläge braucht es immer Kommunikation - egal ob persönlich oder übers Internet. Und Kommunikation, ein Netzwerk gibt für Ermittler immer einen Ansatzpunkt. Das ist anders bei Einzeltätern."

IS verliert an Macht - Gefahr von Einzeltätern wächst

ARCHIV - Ein zerstörter Lastwagen steht am 19.12.2016 in der Nähe der Gedächtniskirche in Berlin auf einem Gehweg. Bei dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt bei der Berliner Gedächtniskirche sterben zwölf Menschen. Der mutmaßliche Attentäter, der 24-j
Anis Amri war mit einem Sattelschlepper auf den Berliner Weihnachtsmarkt gerast und hatte viele Menschen in den Tod gerissen.
© dpa, Paul Zinken, jhe nic soe

Dass Terroristen einzeln zuschlagen und dabei nahezu alles als Waffe missbrauchen können, hat auch der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt deutlich gezeigt. Anis Amri war dort mit einen gestohlenen Lkw in die Menge gerast, hatte zwölf Menschen umgebracht und 67 verletzt. Nicht zum ersten Mal wurde so ein ziviles Fahrzeug zum Mordinstrument. Im Juli 2016 starben beim Anschlag von Und genau zu solchen Anschlägen hat die Terrormiliz 'Islamischer Staat' ihre Anhänger in der Vergangenheit schon mehrfach ausdrücklich aufgerufen.

"Die Erfolgserlebnisse, die der Islamische Staat dringend braucht, bekommt er am ehesten im Westen. Wir wissen, dass er kampfeswilligen Dschihaddisten sagt: 'Kommt nicht zu uns nach Syrien oder in den Irak, sondern macht lieber etwas bei euch zu Hause.'"

Das heißt, die Wahrscheinlichkeit von Anschlägen in westlichen Ländern steigt, gerade weil die militärische Macht und der regionale Einfluss des IS im Nahen Osten immer kleiner wird. Je mehr es Regierungstruppen und deren Alliierten in Syrien oder dem Irak gelingt, die Islamisten zurückzudrängen, desto größer die Motivation der Terroristen, mit dieser Nadelstich-Taktik gerade in Europa immer wieder zuzuschlagen. Mit unberechenbaren Einzeltätern. Wie beim Lkw-Anschlag in Nizza im Juli 2016. Mit relativ einfachen, aber sehr brutalen und aus ihrer Sicht äußert wirkungsvollen Methoden.

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Ein Anschlag am Jahrestag der Attentate von Brüssel und das direkt neben dem Parlament in London - sind das Zufälle, oder ist das Teil eines Plans?

Das wissen wir noch nicht. Es kann durchaus sein, dass der erste Jahrestag der Anschläge in Brüssel der Anlass war, aber nicht der Grund. Dass es vielleicht tatsächlich so getimt war, dass das genau ein Jahr nach den Anschlägen in Brüssel war. Aber ob es den Täter davon abgehalten hätte, andernfalls den Anschlag nicht zu verüben, wissen wir nicht.

In Brüssel gibt es eine sehr aktive islamistische Szene, der die Behörden nur sehr schwer beikommen. Ist das in London genau so?

Ich glaube, dass Großbritannien insgesamt weniger betroffen war, als zum Beispiel Belgien oder Frankreich. In den letzten vier fünf Jahren haben wir gesehen, dass 2.000 Menschen ausgereist sind (nach Syrien und in den Irak, Anm. d. Red.), 500 Leute aus Belgien, einem sehr kleinen Land. In Großbritannien war das nicht die gleiche Mobilisierung. Die britischen Sicherheitsbehörden haben dem recht gut Einhalt geboten.

Wie in Berlin war es wieder ein Einzeltäter ohne Schusswaffen - ist das die neue Strategie, weil solche Täter auch von aufmerksamen Behörden kaum zu entdecken sind?

Das ward die Strategie des Islamischen Staates seit 2014. Der IS hat gesagt: 'Macht etwas, was einfach ist und was von keinem zu verhindern ist.' Und das ist auch die perfide Absicht. Es geht darum, ganze Gesellschaften glauben zu machen, dass sie nirgendwo sicher sind. Ich denke, alle europäischen Gesellschaften müssen sich darüber klar sein, dass es nicht gut ist, sich terrorisieren zu lassen.