IS-Terror in Syrien: "Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann Kobane fällt"

RTL-Reporter Dirk Emmerich berichtet aus Gaziantep

Die letzte Kurden-Bastion Kobane droht in die Hand der IS-Terroristen zu fallen. "Im Häuserkampf hat der IS weitere Stadtteile erobert", berichtet RTL-Reporter Dirk Emmerich aus Gaziantep (Türkei). "Die Kurden kontrollieren offenbar nur noch den Norden der Stadt. Die Luftschläge haben sich als wenig effektiv erwiesen."

Kobane
Sogar von der türkischen Grenze aus sind die Kämpfe in Kobane zu sehen.
dpa, Sedat Suna

Kurdischen Angaben zufolge stellt sich die Situation anders dar. Sie hätten die IS zurückgedrängt. "Sie sind nun vor den Toren der Stadt Kobani", so der stellvertretende Außenminister des gleichnamigen Bezirks, Idris Nassan. Der Beschuss und das Bombardement seien sehr wirkungsvoll gewesen und hätten die IS-Kämpfer dazu veranlasst, viele Positionen zu räumen. "Das ist ihr größter Rückzug seit sie in die Stadt eingedrungen sind", sagte Nassan. "Wir können davon ausgehen, dass das der Beginn ihres Rückzuges aus der Region ist."

Die Vereinten Nationen appellierten unterdessen erneut an die Weltgemeinschaft, die Stadt gegen die Islamisten zu verteidigen. "Wir alle werden es zutiefst bereuen, wenn der IS in der Lage ist, eine Stadt zu übernehmen, die sich selbst mit so viel Tapferkeit verteidigt hat, das aber bald nicht mehr kann. Wir müssen jetzt handeln", sagte UN-Syrienvermittler Staffan de Mistura laut Mitteilung der Vereinten Nationen. Die kurdischen Kämpfer würden sich mit großem Mut selbst verteidigen, jedoch seien die Terroristen weitaus besser ausgerüstet. Die Kurden kämpften mit normalen Waffen, während die IS-Angreifer Panzer und Granatwerfer hätten, argumentiert de Mistura.

Türkische Zusagen "nicht mehr als leere Worthülsen"

Das türkische Parlament hatte der Regierung in Ankara das Mandat erteilt, militärisch gegen Terrorgruppen in Syrien und im Irak vorzugehen. Das richtet sich nicht ausdrücklich gegen den IS, sondern auch gegen kurdische Gruppen wie die PKK, die von der Türkei als terroristisch eingestuft werden. Bislang beobachteten türkische Truppen das Geschehen jenseits der Grenze und greifen nicht ein. "Die Ankündigung der Türkei, die Stadt auf jeden Fall zu verteidigen, ist nicht mehr als eine leere Worthülse", meint Emmerich. "Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann Kobane fällt. Passiert das, wäre es eine Niederlage für die Anti-IS-Koalition. Es muss dringend ein Plan her, wie man die Terrormiliz zukünftig wirksam bekämpfen will."

Sollten die Dschihadisten die strategisch wichtige Stadt erobern, hätten sie einen langen, durchgängigen Grenzstreifen zum Nato-Land Türkei unter Kontrolle. Kobane ist die letzte Bastion in einer Enklave, die bisher von den kurdischen Volksschutzeinheiten kontrolliert wurde. IS-Dschihadisten haben dort seit September mehr als 300 Dörfer eingenommen, 185.000 Menschen flohen in die Türkei.

Die im syrischen Bürgerkrieg erstarkte Terrormiliz beherrscht bereits weite Landstriche in Syrien und im Irak. Nach Angaben der syrischen Menschenrechtsbeobachter wurden seit Beginn der IS-Offensive vor drei Wochen mehr als 400 Menschen getötet - zumeist Kämpfer beider Seiten.