17.000 oder 3,5 Millionen Teilnehmer?

Irrer Streit um Zahlen: So viele Demonstranten waren in Berlin

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03. August 2020 - 13:40 Uhr

Bildvergleiche widerlegen Theorien

Sie trugen keinen Mundschutz, hielten keinen Abstand: Trotz steigender Infektionszahlen haben am Samstag Tausende Menschen in Berlin gegen die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie protestiert. Nach Schätzungen der Polizei schlossen sich bis zu 17.000 Menschen einem Demonstrationszug an, rund 20.000 beteiligten sich anschließend an einer Kundgebung. Doch die Teilnehmer bezweifeln diese Zahlen. Sie reden von 1,3 bis 3,5 Millionen Demonstranten. Bildvergleiche aber widerlegen diese Theorie.

Passanten mit Mundschutz angefeindet

Reichsflaggen wehten neben Regenbogenfahnen, Neonazis marschierten neben Reichsbürgern, Hippies, Impfgegnern und vielen normalen Bürgern. Ihr gemeinsamer Feind: Die verhasste Mund-Nasen-Bedeckung. Auch ohne Impfstoff wollen sie die Hygiene-Regeln stoppen. Unter dem Titel "Tag der Freiheit" (den auch ein nationalsozialistischer Propagandafilm von 1935 der faschistischen Regisseurin Leni Riefenstahl trug) zogen die Menschen gemeinsam durch die Hauptstadt.

Da während der Demonstration die Hygiene-Regeln nicht eingehalten wurden, stellte die Polizei Strafanzeige gegen den Leiter der Versammlung. Der erklärte den Demonstrationszug am Nachmittag für beendet. Weil auch auf der anschließenden Kundgebung viele Demonstranten weder die Abstandsregeln einhielten noch Masken trugen, begann die Polizei am frühen Abend, die Versammlung aufzulösen. Die Veranstalter seien nicht in der Lage, die Hygienemaßnahmen einzuhalten, sagte ein Polizeisprecher. Passanten mit entsprechendem Mundschutz wurde von den Demonstranten immer wieder "Masken weg" entgegengerufen.

Warum die Situation in der Hauptstadt so brenzlig war und wie viele Polizisten durch Übergriffe der Teilnehmer verletzt wurden, lesen Sie hier.

Im Video: Hier stürmen Protestierende die abgesperrte Reichstagswiese

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Polizei dementiert "exorbitant höhere Zahl"

Die Polizei ging "in der Spitze" von etwa 17.000 Teilnehmern bei dem Protestzug aus. "Eine exorbitant höhere Zahl, die laut verschiedener Tweets durch uns genannt worden sein soll, können wir nicht bestätigen", erklärte sie. Veranstalter hatten zunächst 500.000 Teilnehmer angekündigt und für die Demonstration 10.000 angemeldet.

Am Nachmittag wurde auf der Kundgebungsbühne erst von 800.000, dann von 1,3 Millionen Menschen gesprochen. Inzwischen sprechen Mitorganisatoren in über Telegram verschickten Nachrichten, die RTL vorliegen, von bis zu 3,5 Millionen Teilnehmern.

Flächen-Berechnung hilft bei Ermittlung der Demo-Größe

Doch Analysen des Blogs "Volksverpetzer", der sich gegen Fake News im Netz engagiert, widerlegen die Zahlen der Anti-Corona-Demonstranten. Bildvergleiche mit anderen Großereignissen in der Hauptstadt und Berechnungen mit dem Tool "Mapchecking" zeigen, dass "die Fläche der Corona-Demo auch bei einer großzügig dichten Personenmenge (ein Mensch auf einen qm – was eine Missachtung der Hygienemaßnahmen darstellt) lediglich knapp 15.000 Teilnehmer*innen möglich macht".

Demonstranten verbreiten Fotos zurückliegender Ereignisse

Bildvergleiche zum Berlinmarathon (40.000 Teilnehmer) oder zur Loveparade 1999 (1,5 Millionen Teilnehmer) zeigen deutlich, dass die Theorien der angeblichen 1,3 oder 3,5 Millionen Teilnehmer nicht stimmen kann. Anti-Corona-Demonstranten hatten in sozialen Netzwerken auch Bilder dieser zurückliegenden Ereignisse verbreitet und diese als aktuell deklariert, um die hohe Teilnehmerzahl zu untermauern. Fotos, die eigentlich von anderen Veranstaltungen stammen, lassen sich aber per Bilderrückwärtssuche schnell als solche entlarven.