Interview zum Tag der Deutschen Einheit

Die Kanzlerin spricht Schäuble immer noch mit "Sie" an

Bundestag
© dpa, Kay Nietfeld, nie lop

01. Oktober 2020 - 20:33 Uhr

Schäuble: "Ältere Menschen bleiben bei ihren Gewohnheiten"

Seit fast 30 Jahren arbeiten sie zusammen - Wolfgang Schäuble und Angela Merkel. Und trotzdem siezen die beiden sich noch immer, erzählte der Bundestagspräsident heute im RTL-Interview zum 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung.

Auf die Frage von RTL-Politikchef Nikolaus Blome, ob nach 30 Jahren Einheit nicht auch das "Du" zwischen den beiden möglich wäre, sagte Schäuble: "Natürlich. Aber ältere Menschen bleiben bei ihren Gewohnheiten." Er verwies auf seine Physiotherapeutin, die ihn "unglaublich gut und eng" betreue, mit der er sich jedoch ebenfalls sieze. "Unser Verhältnis ist dadurch wahrscheinlich intensiver als mit vielen von den wenigen, mit denen ich mich duze."

Schäuble zieht positive Einheits-Bilanz

ARCHIV - 31.08.1990, Berlin:
Der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (links) und DDR-Staatssekretär Günther Krause am 31. August 1990.
© dpa, Wolfgang Kumm, sv vfd axs fpt fux

Mit der Bundeskanzlerin habe er ein Verhältnis gegenseitigen Respekts. "Wir wissen, dass wir sehr unterschiedlich sind, aber wir wissen jeweils, was wir am anderen haben."

Schäuble zog eine eindeutig positive Bilanz der Deutschen Einheit. Ein Marsmännchen, das jetzt durch Deutschland liefe, würde nicht erkennen, dass das Land einmal geteilt war. "Das Marsmännchen würde nicht erkennen, dass Berlin durch eine Mauer geteilt war." Mit leicht kritischem Unterton wies der CDU-Politiker darauf hin, dass die Deutschen eine Neigung hätten, an Jahrestagen zu fragen, was alles nicht gelungen sei. Dabei gehe es Deutschland, verglichen mit anderen Ländern, "ziemlich gut". Aus dem Ausland heiße es, die Deutschen seien bisher am besten durch die Pandemie gekommen, "ihr macht das besser als andere, ihr habt ein besseres Gesundheitswesen". Dazu Schäuble: "Ich weiß gar nicht, ob das stimmt, vielleicht haben wir auch einfach nur immer wieder Glück."

Westdeutsche sollten keine Dankbarkeit erwarten

Kein Verständnis hat Schäuble für Westdeutsche, die von den Ostdeutschen Dankbarkeit erwarten und zum Beispiel ihr Wahlverhalten kritisieren. "Die Ostdeutschen haben den größeren Teil der Folgen unserer gemeinsamen Vergangenheit von Hitler, Zweitem Weltkrieg und Auschwitz getragen", sagte er. "Und jetzt zu sagen: Seid aber mal endlich dankbar - ich habe dafür kein Verständnis, tut mir leid."

Es sei 1990 richtig gewesen, die SED, die sich erst in PDS und schließlich in Linkspartei umbenannte, an den freien Wahlen teilnehmen zu lassen. Die Partei habe dann "schnell so getan, als sei sie schon immer demokratisch gewesen" und habe "die Unzufriedenen" als Wähler gewonnen - wobei Schäuble ausdrücklich Verständnis für Enttäuschung und Unzufriedenheit zeigte. Vom Wählerpotenzial der Linkspartei habe später die AfD "einen erheblichen Teil auf sich gezogen". Es sei Aufgabe der demokratischen Parteien, überzeugende Arbeit zu leisten: "dann wird das kleiner".