Interview mit Mentaltrainer Markus Holubek

Mentaltrainer Markus Holubek.
Mentaltrainer Markus Holubek.

Markus Holubek ist selbst querschnittsgelähmt

Mentaltrainer Markus Holubek, geboren am 14. Dezember 1965 in Bonn, arbeitete bereits als freier Journalist, bevor er Anfang der 90er-Jahre ein Volontariat beim Kölner Express und Mitteldeutschem Express in Halle absolvierte. Danach wechselte er als Redakteur zur Tageszeitung BZ nach Berlin und produzierte erste TV-Beiträge für RTL. 1993 ging er als Redakteur zu RTL, wurde später Leitender Redakteur. Seit 2000 ist Markus Holubek freier Produzent und Autor für RTL, seit 2010 Autor, Mentaltrainer und Therapeut. In der RTL-Langzeit-Doku "Reset – Zurück ins Leben" will Markus Holubek querschnittsgelähmten Menschen helfen, im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Beine zu kommen.

► Sie sind selber querschnittsgelähmt. Haben Sie nach Ihrem Skiunfall sofort gemerkt, dass da etwas ganz gründlich kaputtgegangen ist?

Markus Holubek: Ein Skirennen für Amateure, das längste und schwerste überhaupt. Als ich weit entfernt von der Einschlagstelle zum Liegen kam, da begann meine neue Zeitrechnung. Mir war sofort klar, dass ich ab unterhalb der Brust gelähmt bin. So fühlt sich Querschnittlähmung also an. Der Schmerz ist abartig, als ob ein Harakiri-Dolch im Rücken kreist. Ich wollte weinen, aber ich konnte nicht. Ich war zu sehr gefangen in meinem persönlichen Gau.

Mit der linken Hand tastete ich meine Beine ab. Die rechte Hand war zwei Zentimeter nach oben und drei Zentimeter nach hinten verschoben, mein Handgelenk total zerstört. Trotzdem spürte ich keinen Schmerz im Arm. Der im Rücken überlagerte alles. Mir war auch bewusst, dass meine Hand im Moment mein kleineres Problem war. Denn wenn ich mit meiner gesunden linken Hand auf meinen Unterleib, meine Beine drückte, spürte das nur die Hand. Ich konnte nichts mehr unterhalb des Bauchnabels bewegen. Es war ein unglaubliches Gefühl, vollkommen irreal, als ob die Hälfte von mir abgeschnitten war. Diese Gedanken spielten sich innerhalb weniger Sekunden ab. Mir war glasklar: Ja! Ich bin querschnittsgelähmt.

► Was ging Ihnen nach der Diagnose als Erstes durch den Kopf?

Wut und Hoffnung zugleich! Mein rechter Oberschenkel reagierte minimal sensibel auf Berührung. Ich wusste also, dass nicht alle Nerven im Rückenmark durchtrennt waren. Laut der Bilder aus dem Computer-Tomograf wurde später festgestellt, dass durch den Aufprall der erste Lendenwirbel direkt unterhalb der Rippenbögen zerplatzt war. Dabei drang ein Stück Wirbelknochen in den Rückenmarkskanal ein und hat 95 Prozent der Nerven abgequetscht oder durchtrennt. Lediglich fünf Prozent meiner Nerven waren also unverletzt geblieben.

Nur wenige Sekunden nach dem Aufprall beugte sich ein Streckenposten zu mir herunter. Er fragte nicht, wie es mir geht, sagte nur, dass gleich der Streckenarzt da sei. Ich war dankbar, dass er mich nicht angefasst hat. Ich hatte das Gefühl, dass jedes einzelne Stress-Molekül wild gegen meine Schädeldecke pochte. Die Hormone hielten mich wach und passten auf, dass mich niemand bewegte. Bei nur fünf Prozent nicht betroffenen Nerven war das im Nachhinein bestimmt der richtige Impuls. "Bitte, bitte, bitte! Lieber Gott, lass nicht noch mehr kaputt gehen." Ja! Alles andere als Fatalismus bestimmte mein Denken. Nein! Mein Leben lief nicht vor meinen Augen ab. Mein Fehler schon: Was war ich doch für ein Vollidiot. Wie konnte ich nur so Gas geben, so ein Risiko eingehen, als Amateursportler, als Selbstständiger, als Familienvater?

► Gab es Momente, in denen Sie aufgeben wollten?

Markus Holubek: Nie, die gab es nie!

► Wie lange hat es gedauert, bis Sie wieder auf eigenen Beinen stehen konnten?

Markus Holubek: Ich lag vier Monate im Krankenhaus, habe den geliehenen Rollstuhl nach acht Monaten zurückgegeben. Nach zwölf Monaten habe ich in der Übergangsphase Teilzeit, im Laufe des zweiten Jahres nach dem Unfall wieder Vollzeit gearbeitet.

Markus Holubek macht Querschnittsgelähmten Hoffnung

► Kann wirklich jeder Querschnittsgelähmte aus dem Rollstuhl zurück auf die eigenen Beine kommen?

Markus Holubek: Nein! Aber theoretisch könnten viel, viel mehr Betroffene zurück auf die Beine finden. Über die Hälfte aller Patienten, die sich bei mir vorstellen, fallen darunter. Das Problem ist, dass die Medizin wenige positive Erfahrungen mit Gelähmten gemacht hat. Nur wenige Ärzte kennen Patienten, die es geschafft haben. Und noch weniger Ärzte haben so einen Gelähmten erfolgreich therapiert.

► Was ist der Unterschied zwischen einer inkompletten und kompletten Querschnittslähmung?

Markus Holubek: Bei einer "inkompletten" Lähmung, das macht 2/3 aller Betroffenen aus, sind nicht alle Nervenbahnen im Rückenmark durchtrennt. Doch meist reicht das nicht aus, um Patienten nachhaltig auf die Beine zu bringen. Ärzte dürfen keine Hoffnung machen. Aus Mangel an positiven Prognosen werden inkomplett Gelähmte so schnell zu "motorisch komplett" Gelähmten. Bei mir waren noch fünf Prozent der Nerven intakt. Trotzdem gab mir keiner eine positive Prognose. Wenn ich nicht sofort hart trainiert hätte, wäre auch ich ein "motorisch Kompletter". Denn irgendwann schlaffen auch die noch intakten Muskeln ab, weil der Rollstuhl nur mit Armen bewegt wird.

Bei "kompletten" Querschnitten wurden alle Nervenbahnen durchtrennt. Das betrifft 1/3 aller Betroffenen. Und auch da unterscheide ich mittlerweile. Kam es zu starker Vernarbung im Bereich des Querschnittes, weil etwa der Bruch durchs Rückenmark nicht glatt war wie bei einem Fallbeil, dann zeigt der Patient mitunter nicht einmal mehr Spastik. Dieses unkontrollierbare Zittern und Krampfen ist aber meines Erachtens das letzte Mittel des Körpers überhaupt noch Muskeln aufzubauen, wenn auch noch willkürlich. Wenn ein Gelähmter gar keine Spastik mehr hat, dann kann ihm nach heutigem Wissen keiner mehr helfen. Aber das betrifft wirklich wenige.

► Können Sie anderen Querschnittsgelähmten helfen?

Markus Holubek: Ich begleite die Betroffenen ab ihrer Rehazeit und vor allem, wenn die Förderung der Krankenkassen meist nach 18 Monaten endet. Multiple-Sklerose-Kranke kommen leider oft später, wenn die Ausfälle schon sehr stark geworden sind. Wenn ein Gelähmter noch irgendetwas unterhalb der Läsion oder des Bruchs im Rücken bewegen kann, und das sind die meisten, dann beginnt meine Arbeit. Ich motiviere, suche und finde entscheidende Fehler im "System Patient". Zusammen mit Ärzten, Physiotherapeuten und Orthopädie-Technikern entwickle ich Trainings- und Ernährungspläne, manage Krisen, die es immer in der Rehaphase gibt. Für die Serie RESET habe ich auch schon einen kompletten Querschnittsgelähmten in Therapie. Bei mir waren fünf Prozent der Nerven nicht betroffen, bei ihm leider alle.

► Wie sieht Ihr Leben heute aus?

Markus Holubek: Ich arbeite mittlerweile nur noch als Coach und Mentaltrainer, lebe glücklich mit meinen Kindern und meiner Lebensgefährtin. Zusammen mit den Ärzten und Physiotherapeuten aus meiner Rehazeit baue ich in Bonn ein Zentrum für Menschen mit Behinderungen auf. Und da ich selbst immer betroffen bleibe, versuche ich mit viel Sport und optimaler Ernährung bis an mein Ende so gesund zu bleiben, wie es geht und eines nie aus den Augen zu verlieren: das Leben!

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