Debatte über Lockerungen läuft

Die Infektionszahlen gehen runter – ist jetzt die Zeit für Belohnung?

28. Januar 2021 - 9:03 Uhr

Viele Experten sagen: Noch ist es zu früh

Der Weg, den wir eingeschlagen haben, scheint richtig: Die Kurve der Neu-Infektionen geht runter, die Sieben-Tage-Inzidenz nähert sich mit 101,0 einer ersten wichtigen Marke. Die harten Maßnahmen scheinen also zu wirken. Da stellen sich viele die Frage: Bekommen wir jetzt unsere Belohnung für all die schweren Einschnitte? Ist jetzt vielleicht der Zeitpunkt gekommen, um über Lockerungen zu sprechen? Viele Experten und Politiker dämpfen die Hoffnung und sagen: Noch ist es zu früh. Ein Grund: Die Mutationen des Virus.

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Schleswig Holstein erstellt Perspektivplan: Blaupause für die Republik?

Markus Söder erteilte Lockerungen zum jetzigen Stand im RTL/ntv-Frühstart eine klare Absage. So lange die magische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner nicht erreicht sei, könne es keine Lockerungen geben. "Im Moment ist es vielleicht besser, etwas das Wasser zu halten, als allen den Mund wässrig zu machen."

Die Maßnahmen, die bereits beschlossen wurden, liefen ja noch fast drei Wochen, sagte Söder: "Wenn wir jetzt ständig nur über Lockerungen reden, dann schwächen wir auch ein bisschen die Akzeptanz der bisherigen Maßnahmen."

Armin Laschet äußert sich vorsichtig optimistisch: "Die aktuelle Entwicklung macht Mut", sagte er im Landtag in Düsseldorf. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Nordrhein-Westfalen sei aktuell auf 97,2 und damit unter den Wert von 100 gefallen. NRW wolle nun an den Wert von 50 herankommen. Dann könne das Pandemie-Geschehen im Februar neu bewertet werden. Die Chefs der Staatskanzleien der Länder und des Bundeskanzleramts arbeiteten bereits an einer "Schrittfolge für mögliche Öffnungen", sagte der CDU-Chef. Schulen und Kitas hätten dabei Priorität. Es dürfe aber keine vorschnellen Entscheidungen geben. "Vorschnelle Öffnungen, die das Erreichte gefährden könnten, wird es nicht geben", sagte Laschet. Denn eine dritte Welle, getrieben von einem mutierten, hochansteckenden Virus, "wird uns noch heftiger treffen". Einen Langzeitplan könne man angesichts der Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Auftreten mutierter Viren und Impfstoff-Lieferschwierigkeiten bei den Pharmakonzernen nicht bieten.

Angela Merkel bleibt vorsichtig: Sie sieht Deutschland bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie auf einem guten Weg, aber noch nicht am Ziel. Es gebe einen nachhaltigen Rückgang der Infektionszahlen, das bedeute, dass die ergriffenen Maßnahmen wirkten, sagte sie am Dienstag in der Online-Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion nach Angaben von Teilnehmern. Allerdings sei man noch nicht am Ziel von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Der Winter sei nicht einfach. Es gebe aber keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen.

Den Kopf hängen lassen, ist das eine, eine Perspektive jedoch eine andere Sache. Die Menschen in Deutschland sehnen sich danach, schließlich zerrt der Alltag zwischen Homeschooling, Homeoffice, der Sorge um den Job und dem Wunsch, Freunde zu treffen selbst an den stabilsten Gemütern.

Schleswig-Holstein hat jetzt als erstes Bundesland einen Perspektivplan vorgestellt, für den Fall, dass die Corona-Zahlen sinken. Der sogenannte Perspektivplan des Landes Schleswig-Holstein hängt vor allem von einer Zahl ab: Der Inzidenz. Es ist ein Vorschlag für die auf Initiative von Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) von Bund und Ländern beschlossene Arbeitsgruppe, die bis zur kommenden Ministerpräsidentenkonferenz eine Strategie vorlegen soll. Schleswig-Holstein wolle keinen Sonderweg gehen, sagte Günther. "Ich bin aber überzeugt, dass unser Vorschlag die Blaupause für eine bundesweite Verständigung sein kann." So sollen demnach zunächst Schulen öffnen, bei stabilen Inzidenz-Zahlen unter 100 könnten dann auch wieder Treffen zu fünft möglich sein oder Friseure öffnen. Mehr Details dazu hier.

Im RTL-Interview: Daniel Günther erklärt seinen Plan

Baerbock: Lockerungen noch nicht sinnvoll

ARCHIV - 26.06.2020, Berlin: Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, stellt den ersten Entwurf zum neuen Grundsatzprogramm von Bündnis 90/Die Grünen auf einer Pressekonferenz vor. (Zu dpa: «Baerbock fordert endgültigen Baustop
Annalena Baerbock spricht sich gegen frühzeitige Lockerungen aus.
© dpa, Kay Nietfeld, nie axs lop

FDP-Chef Christian Lindner verlangte für die Republik eine klar definierte Perspektive für Lockerungen der Beschränkungen. Sein Vize, Wolfgang Kubicki, sprach sich zudem gegen eine Einschränkung des Reiseverkehrs aus. "Es helfen in der aktuellen Situation keine Flug- oder Reiseverbote, zumal ohnehin jeder Tests durchlaufen muss, sondern deutlich schnelleres Impfen", sagte Kubicki den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Impfungen seien "der verlässlichste und einzige Weg aus dieser Pandemie", betonte der FDP-Politiker.

Grünen-Chefin Annalena Baerbock spricht sich gegen frühzeitige Lockerungen der Maßnahmen aus. "Ich halte es nicht für sehr sinnvoll, angesichts dessen, dass wir die Zahlen gerade mal ein bisschen runter bekommen konnten, jetzt sofort wieder darüber gesprochen wird, was wir lockern können", sagte sie im SWR. Unter anderem die AfD will im Bundestag diese Woche eine Debatte über eine möglichst rasche Lockerung der staatlichen Anti-Corona-Maßnahmen anstoßen.

Drosten: "Dann werden wir erleben, dass das Virus sich wieder ganz stark vermehrt"

Der Corona-Jahresrückblick
Der Corona-Jahresrückblick
© RTL

Und wie sehen das die Virologen? Hendrik Streek spricht sich dafür aus, dass man nun über Perspektiven sprechen muss, unter Vorbehalt der Entwicklung: "Wir sind auf dem richtigen Weg, die Zahlen gehen nach unten. Und man kann auch davon ausgehen, dass es sich auch die nächsten Wochen so verhält. Wir müssen jetzt eigentlich darüber reden, wie wir danach auch weitermachen wollen, wie es nach dem 14. Februar aussehen sollte," sagte er im RTL-Interview.

Christian Drosten, der auch die Regierung berät, bezeichnete die Einschränkungen als "aus wissenschaftlicher Sicht" sinnvoll. Angesichts sinkender täglicher Corona-Fallzahlen in Deutschland "muss man natürlich auf das achten, was von außen kommt", sagte der Leiter der Virologie an der Berliner Charité Berlin in den ARD-"Tagesthemen".

Er rät zur Vorsicht: "Wir werden zu irgendeinem Zeitpunkt so viele Menschen geimpft haben, dass das Virus sich nicht mehr von selbst verbreitet. Die Frage ist nur: Wie lange dauert das?" Er sei sich nicht sicher, dass dies schon in nächster Zeit geschehen werde. Wenn die Maßnahmen jetzt einfach beendet würden, "dann werden wir sicherlich erleben, dass das Virus sich wieder ganz stark vermehrt".

Der aktuelle harte Lockdown in Deutschland gilt noch bis zum 14. Februar. Alle Regeln können Sie hier nachlesen.