Mit Independesk raus aus dem Homeoffice

Neue App aus Deutschland bietet Arbeitsplatz-Sharing wie AirBnB

16. September 2020 - 14:27 Uhr

Alternative zum Pendeln

Von zu Hause arbeiten war für viele Arbeitnehmer erst Neuland, dann Offenbarung und inzwischen doch häufig eine Belastung. Denn obwohl viele den Vorteil des wegfallenden Pendelns schätzen, verursacht die fehlende Trennung von Arbeits- und Privatleben eine neue Art von Stress. In Berlin soll jetzt die App "Independesk" kurzfristig und flexibel den passenden Schreibtisch fürs Mobile Office um die Ecke bieten. Wie das genau funktioniert und in welchen abgefahrenen Orten man arbeiten kann, zeigen wir im Video.

von Marc Chmiel

Starten wir doch mal ganz persönlich: Ich arbeite gerade im Home Office. Kommt nicht so oft vor und war bis März auch noch undenkbar, ließ sich heute aber nicht vermeiden. Für mich heißt das, dass ich etwa 40 Minuten spare, die ich normalerweise auf dem Fahrrad verbringe, sofern es das Wetter zulässt. Andere haben es da schlimmer, die stehen auf Hin- und Rückweg insgesamt vielleicht sogar 1,5 Stunden im Stau oder sitzen ewig in vollen Bahnen.

Allerdings sind heute 29 Grad und strahlender Sonnenschein, meine Erdgeschosswohnung gehört aber vermutlich zu den dunkelsten in Berlin. Ich kann also nicht anders, als mich angesprochen fühlen von den Entwicklern der App "Independesk", die flexibel und unkompliziert Schreibtische für das Mobile Office vermieten. Auch wenn Gründer Karsten Kossatz eher an die Pendler, als an die tiefgeschossigen Mieter denkt, wenn er sagt:

"Der Arbeitnehmer profitiert davon, dass er sich die Wegstrecke spart. Er spart also unter Umständen auch so 8 Stunden die Woche, je nachdem wie viel man sonst so im Stau steht."

Arbeiten vom höchsten Punkt der Hauptstadt

Das System ist Smartphone-Nutzern bekannt und in etwa dem Ferienwohnung-Anbieter Airbnb nachempfunden. Über die App bekommen User angezeigt, wo der nächste verfügbare Arbeitsplatz steht und wie viel er kostet. Mit wenigen Klicks können Interessenten zwischen verschiedene Alternativen wählen und den gewünschten Arbeitsplatz buchen. Einstellen kann die Angebote im Grunde jeder, der Tisch, Stuhl, W-LAN und Strom anbieten kann. Das soll das System viel flexibler machen, als beispielsweise bestehende Coworking-Spaces. "Die Anbieter können selber entscheiden, wie teuer es ist. Die Mindest-Buchungsdauer sind zwei Stunden und pro Stunde kostet das zwischen 2 und 50 Euro", sagt Independesk-Chef Kossatz.

Am oberen Ende der Preisskala befinden sich Premium-Arbeitsplätze, wie etwa der Berliner Fernsehturm, in dem die App gelauncht wurde und der wohl eher als Marketing-Gag oder eben besondere Abwechslung zu verstehen ist. Aber auch das Berliner Spionage-Museum stellt Mietschreibtische zur Verfügung. Museumsdirektor Robert Rücker hat auch eine genaue Vorstellung davon, für wen die interessant werden könnten: "Das werden schon Leute sein, die thematisch zum Museum passen, die sich vielleicht auch mit Datenschutz im Berufsleben beschäftigen." Der Arbeitsplatz der anderen Art klingt verlockend und ist mit 3,75 Euro pro Stunde auch bezahlbar.

Hauptsächlich dürften aber bereits bestehende Büroflächen zum Einsatz kommen, sowie Seminar-Räume in Hotels. Auch Unternehmen, deren Mitarbeiter nun vermehrt das Home Office nutzen, können ihre freien Plätze wiederum zur Verfügung stellen und somit ebenfalls Geld sparen.

Nicht nur für Großstädte interessant

Nach dem Start in Berlin soll das Angebot auch bald in Hamburg folgen. Der Plan von Gründer Karsten Kossatz ist aber, das Tisch-Sharing über die Großstädte hinaus anzubieten: "Unser Ziel ist tatsächlich, eine flächendeckende Verfügbarkeit, dass man eben nicht nur die Offices im Zentrum von einer Stadt hat, sondern eben auch in den Randgebieten, vielleicht auch auf dem Land. Eben da, von wo die Pendler normalerweise herkommen, damit sie es auch nicht so weit haben."

Der Selbstversuch zeigt aber, dass das noch nicht ganz funktioniert – vor allem nicht auf dem Apple-Diensthandy. Hier muss ich mich noch ein paar Tage gedulden. Auf dem privaten Android-Handy läuft die App. Aber die einzige angezeigte Location, die näher ist als mein Büro, ist ein Coworking-Space, den ich auch vorher schon hätte nutzen können. Der ist mit 2,25 € pro Stunde zwar fair bezahlbar, aber trotzdem auch schon 2,4 Kilometer weit weg - obwohl ich immerhin im Berliner Medien-Stadtteil Prenzlauer Berg wohne. Bis das Angebot also ausgeweitet wird, schreibe ich diese Zeilen erstmal von einer halbschattigen Bank in einem Park bei mir um die Ecke, mit dem Laptop auf dem Schoß.