In Deutschland muss doppelt so viel Atommüll entsorgt werden als bisher angenommen

19. November 2014 - 8:45 Uhr

Wohin soll der Zusatzmüll gehen?

Verrechnet und falsch deklariert: Deutschland steht nach dem beschlossenen Atomausstieg vor einem massiven Entsorgungsproblem und muss wahrscheinlich deutlich mehr Atommüll entsorgen als bislang angenommen. Allein die Menge des schwach- und mittelradioaktiven Abfalls könnte sich auf 600.000 Kubikmeter verdoppeln, heißt es im Entwurf eines nationalen Entsorgungsplans, der derzeit zwischen Bundesregierung und Ländern abgestimmt wird. Das für diese Abfälle geplante Endlager Schacht Konrad in Salzgitter ist bisher nur für 303.000 Kubikmeter genehmigt. Es soll nach jahrelangen Verzögerungen im Jahr 2022 in Betrieb gehen.

In Deutschland muss doppelt so viel Atommüll entsorgt werden
Ein künstliches Atomfass steht vor dem Atomendlager Schacht Konrad in Salzgitter, wo derzeit ein Atomendlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle gebaut wird.
© dpa, Julian Stratenschulte

Bisher wurde für Schacht Konrad eine Abfallmenge von 298.000 Kubikmetern Atommüll prognostiziert, meist aus dem Abriss der Atomkraftwerke. Ein wichtiger Grund für das Anwachsen sind 200.000 Kubikmeter an kontaminiertem Material, die - falls überhaupt möglich - aus dem maroden früheren Salzbergwerk Asse bei Wolfenbüttel geborgen werden sollen. Hierfür könnte ein weiteres Endlager notwendig werden.

Rund 90 Prozent der deutschen Atomabfälle sind schwach- und mittelradioaktiv, von Bauteilen der Atomkraftwerke bis zum Strahlenschutzanzug. Laut Bundesamt für Strahlenschutz machen diese Abfälle aber nur etwa 0,1 Prozent der gesamten Radioaktivität aus. Für die hoch radioaktiven Abfälle gibt es noch kein Endlager, es soll ab 2016 bundesweit gesucht werden und bis 2031 gefunden sein. Dieser stark strahlende Müll wird bisher vor allem im Zwischenlager Gorleben und an den Atomkraftwerken in Castor-Behältern zwischengelagert.

Bei den neuen Abfällen zählt der Bund erstmals auch Abfälle aus der Urananreicherungsanlage des Betreibers Urenco in Gronau als Atommüll mit. Bislang wurden diese Mengen als "Wertstoffe" eingestuft, aus denen sich noch Kernbrennstoffe fertigen ließen. Nun rechnet der Bund in dem Entsorgungsplan mit bis zu 100.000 Kubikmetern Atommüll allein aus der Urananreicherung. "Eine Erweiterung des Endlagers Konrad für diese möglichen Abfälle wird nicht ausgeschlossen", heißt es im Entwurf.

"Viel zu lange hat man sich die Menge schöngeredet"

Schleswig-Holsteins Energieminister Robert Habeck (Grüne) lobte die neue Bestandsaufnahme. "Es ist auf jeden Fall richtig, den Atommüll schonungslos zu bilanzieren. Viel zu lange hat man sich die Menge schöngeredet", sagte er. "Bei Atommüll ist aber nichts schön. Die immer noch ungeklärte Lagerung von Atomschrott ist die erschreckende Altlast des unsäglichen Zeitalters der nuklearen Energiegewinnung. Und wir haben noch immer keine Lösung."

Neue Sorgen bereitet der marode Zustand vieler Fässer mit dem schwach- und mittelradioaktiven Müll. Laut einem NDR-Bericht gibt es deutlich mehr beschädigte Atommüllfässer als bislang angenommen. Von den rund 85.000 Behältern seien fast 2.000 verrostet oder anderweitig beschädigt, hieß es unter Berufung auf eine Umfrage unter den Aufsichtsbehörden der 16 Bundesländer. Demnach fanden sich an mindestens 17 Standorten leicht oder schwer beschädigte Fässer.

Besonders problematisch sei die Situation im größten oberirdischen Zwischenlager in Karlsruhe, wo Prüfer mehr als 1.700 beschädigte Behälter gefunden hätten. Ein Sprecher der für die Entsorgung der Anlage zuständigen Firma WAK GmbH bestätigte den Bericht. Die Zahl von 1.692 Fässern mit Rostschäden entspreche einem Anteil von weniger als zehn Prozent aller zwischengelagerten Atommüllfässer. Bei Beginn der Lagerung sei nicht erwartet worden, dass die Zwischenlagerung bis zum Transport in ein Endlager so lange dauern werde.

Experten gehen davon aus, dass die Anzahl der beschädigten Fässer und Container mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen noch weitaus höher ist. Michael Sailer, Atomexperte des Öko-Instituts, sagte dem Magazin: "Ich erwarte, dass man bei genauerer Inspektion in verschiedenen Lagern weitere Korrosionen findet. Aus meiner Sicht sehen wir bislang nur die Spitze des Eisbergs und wissen nicht, wie groß der Eisberg unter Wasser ist." Obwohl das Problem der beschädigten Atommüllfässer seit Jahren bekannt sei, habe die Bundesregierung bis heute keine umfassende Übersicht über den Zustand der schwach- und mittelradioaktiven Abfälle in Deutschland.