In Corona-Quarantäne mit überforderten Eltern

Misshandelte und missbrauchte Kinder in Gefahr

Der Deutsche Kinderverein fordert von der Regierung Hilfsangebote für gefährdete Familien.
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17. März 2020 - 16:36 Uhr

Kinderschützer schlagen Alarm

"Zusammenleben in einer Familie kann anstrengend und überfordernd sein, für manche Kinder ist es lebensgefährlich." Mit diesen drastischen Worten wenden sich Kinderschützer an die Öffentlichkeit. In Zeiten sozialer Isolation sei es wichtiger denn je, ein Auge auf die Schwächsten unserer Gesellschaft zu haben.

Wenn aus Eltern und Kindern Täter und Opfer werden

Das gesellschaftliche Leben in Deutschland steht still. Schulen, Kindergärten, Vereine, Schwimmbäder: alles dicht. Die Bürger sind angehalten, soziale Kontakte zu minimieren, um die Ausbreitung des Coronavirus' zu bremsen. Eine Situation, die für misshandelte und sexuell missbrauchte Kinder im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Sie sind ihren Eltern schutzlos ausgeliefert.

"Hilfreiche Alltagsroutinen entfallen in der Quarantäne, der (…) Besuch der Kita oder Schule sogar wochenlang", heißt es in einem Appell des Deutschen Kindervereins. "Der Spielplatz ist zu, die Nachbarn gehen auf Distanz, das Kind ist mit seinen Eltern allein." Alleine mit Eltern, die wohlmöglich schon in der Zeit vor Corona heillos überfordert waren. Mit Eltern, die aufgrund von Sucht oder anderen psychischen Störungen kaum fähig sind, sich um ihre Töchter und Söhne zu kümmern. "Wer sieht und hört misshandelte und sexuell missbrauchte Kinder jetzt?", fragt Vereins-Geschäftsführer Rainer Rettinger.

Die Dunkelziffern von sexuellem Missbrauch, seelischer und körperlicher Gewalt in Familien sei hoch. Nun müsse die Politik handeln: "Wer gefährdete Kinder für viele Wochen von der Außenwelt abschneidet, braucht Konzepte im Umgang mit Familien, in denen aus der Beziehung von Eltern und Kind eine Beziehung von Tätern und Opfern wird."

Politik muss handeln – und jeder Einzelne von uns auch

Der Deutsche Kinderverein fordert daher von der Regierung niederschwellige Hilfsangebote für gefährdete Familien. Aber auch wir sind gefragt. Die Nachbarn, der Postbote, die Kassiererin im Supermarkt. Jeder von uns. "Wenn Sie Zweifel am Wohl eines Kindes in Ihrer Umgebung haben, teilen Sie Ihre Sorgen dem Jugendamt mit", sagt Rainer Rettinger. "Das geht auch anonym." Beim Verdacht auf Straftaten sollte außerdem die Polizei informiert werden.