Im Coronavirus-Epizentrum Wuhan

Tausenden Haustieren droht der Hungertod - Tierschützer brechen in Wohnungen ein

Geisterhaft leer sind die Straßen in Wuhan, viele Wohnungen verwaist. Dort warten nach Schätzungen noch Tausende Tiere auf die Rückkehr ihrer Herrchen und Frauchen.
© REUTERS, Stringer ., TS

06. Februar 2020 - 11:13 Uhr

5.000 Haustiere in Wuhan sich selbst überlassen

Viele Menschen haben Wuhan, das Epizentrum des Coronavirus', verlassen - rund 50.000 Haustiere aber blieben zurück. Nach Schätzungen sind noch immer 5.000 Tiere auf sich gestellt. Wenn niemand kommt und sie rettet, werden sie verhungern. Tierschützer brechen deshalb im Auftrag der Besitzer in Wohnungen ein, um verwaisten Hunden und Katzen zu helfen.

Viele verließen Wuhan und nahmen Haustiere nicht mit

Die Provinz Hubei ist seit dem 23. Januar de facto Sperrgebiet. Die Behörden haben dort 17 Städte abgeriegelt – damit sind rund 50 Millionen Menschen von der Außenwelt abgeschnitten. Bahn-, Bus- und Flugverbindungen wurden gekappt, Krankenhäuser werden im Rekordtempo hochgezogen, um der vielen Kranken Herr zu werden. So auch in Wuhan, wo das Coronavirus 2019-nCoV erstmals aufgetreten ist. In Hubeis Hauptstadt, dem Epizentrum des Virus, sind rund elf Millionen Menschen eingeschlossen.

Nach Angaben des Bürgermeisters von Wuhan waren rund fünf Millionen Menschen vor der Sperrung aus der Stadt ausgereist, um mit Familie und Freunden das rund 15 Tage andauernde chinesische Neujahrsfest (25.Januar bis 8. Februar) zu feiern. Viele ließen ihre Haustiere daheim. Nun ist die Verzweiflung bei denen, die nicht zurückkehren können oder wollen, groß.

Freiwillige versorgen in China Tiere mit Futter und Wasser

Polizei-Checkpoint an der Jiujiang Yangtze River Bridge.
Polizei-Checkpoint an der Jiujiang Yangtze River Bridge. Straßensperren wie diese wurden überall rund um und in der Provinz Hubei errichtet. Die Polizisten sind bewaffnet.
© REUTERS, Thomas Peter, TP/LP

Bei Tierschützern in Wuhan steht seit dem 25. Januar das Telefon nicht mehr still. Einer von ihnen ist Lao Mao, der seinen echten Namen nicht nennen will. Seine Familie soll nicht erfahren, dass der 43-Jährige durch Wuhan zieht und sich dem Risiko aussetzt, angesteckt zu werden. Oder dass er einmal an einem verrosteten Fallrohr auf einen Balkon im dritten Stock geklettert ist, um eine Katze zu retten, die dort seit zehn Tagen ohne Fressen und Trinken ausgeharrt hatte. Er fand das Tier halb verhungert unter dem Sofa. Die Besitzer weinten, als er sie noch vor Ort per Videoanruf kontaktierte. Sie könnten nicht zurück, weil überall Straßensperren errichtet seien, hätten sie unter Tränen gesagt.

"Old Cat", wie der Tierfreund sich in den Sozialen Medien nennt, schätzt, dass noch 5.000 Tiere eingeschlossen sind "und in den kommenden Tagen verhungern werden". Er und ein Team von anderen Freiwilligen haben es sich zur Aufgabe gemacht, die eingeschlossenen Haustiere zu füttern und mit Trinkwasser zu versorgen. Und das hat sich rumgesprochen. "Ich schlafe nur noch selten", sagt er der Nachrichtenagentur Reuters. Im Auftrag besorgter Herrchen und Frauchen brechen die Tierschützer in Wohnungen und Häuser ein, rund 1.000 Haustiere konnten so nach Angaben der Tierfreunde gerettet werden.

Im Video: RTL-Reporterin testet Angst vor dem Coronavirus

Die Panik der Menschen vor einer Ansteckung mit dem Virus ist groß. "Gestrandete" aus Wuhan wissen nicht, wohin, kein Hotel will sie aufnehmen. Viele klagen über eine Stigmatisierung, fühlen sich wie Aussätzige. Hartnäckig hält sich in manchen Gegenden auch das Gerücht, wonach Haustiere das Virus übertragen können.

In Suichang haben die Behörden deshalb Anwohner aufgefordert, ihre Hunde daheim zu lassen. Hunde, die in der Öffentlichkeit gefangen werden, würden getötet, teilten die Verantwortlichen mit. Dabei hat die Weltgesundheitsorganisation WHO klargestellt, dass es noch keinen Hinweis darauf gebe, dass das Virus über Hunde oder Katzen übertragen wird. Es sei vielmehr wahrscheinlich, dass sich ein Mensch erstmals auf einem der Tiermärkte infiziert habe.

Bereits zwölf Coronavirus-Erkrankungen in Deutschland

Über Nacht war die Zahl der bestätigten Infektionen und Todesfälle durch das Coronavirus erneut sprunghaft gestiegen. Wie die chinesische Gesundheitsbehörde mitteilte, gab es bis Dienstag 20.438 bestätigte Erkrankungen - 3.225 neue Fälle im Vergleich zum Vortrag. Die Zahl der Todesopfer stieg demnach um 64 auf 425. Es war erneut der bisher stärkste Anstieg der Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus und der Todesfälle innerhalb eines Tages.

In Deutschland sind bislang zwölf Fälle von Infizierten bekannt. Zehn stehen in Zusammenhang mit dem bayerischen Autozulieferer Webasto - darunter sind zwei Kinder eines Mitarbeiters. Bei Webasto war eine infizierte Kollegin aus China zu Gast gewesen, die ihre Erkrankung erst auf dem Rückflug bemerkte. Außerdem war das Virus bei zwei Passagieren festgestellt worden, die am Wochenende mit einem Bundeswehrflugzeug aus Wuhan zurückgeholt wurden.

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