In Bayern regt sich Widerstand gegen den Schutz der Nager: Biber sollen wieder getötet werden dürfen

Geht es nach einigen Landwirten und Landräten in Bayern, dann soll es dem Biber wieder an den Krangen gehen.
Geht es nach einigen Landwirten und Landräten in Bayern, dann soll es dem Biber wieder an den Krangen gehen.
© dpa, Patrick Pleul, ppl;cse;fux

25. Oktober 2016 - 10:50 Uhr

Ein Kommentar von Oliver Scheel

Jahrhundertelang hat der Mensch gnadenlos Jagd auf den größten Nager Europas, den Biber, gemacht. Es war das weiche und dichte Fell, hinter dem die Jäger her waren. Mitte des 20. Jahrhunderts hatten wir es dann geschafft: Der Biber war bis auf wenige hundert Tiere in Deutschland ausgerottet. In ganz Europa stand es um die Population des Bibers schlecht.

Im Behördendeutsch heißt es nicht Töten, sondern 'Entnahme'

Durch den strengen Schutz der Tiere, die seit 1976 nicht mehr dem deutschen Jagdgesetz unterliegen und unter Naturschutz stehen, hat sich die Zahl der Biber mittlerweile wieder erholt. Man schätzt, dass allein in Bayern wieder bis zu 18.000 Biber ihre Dämme bauen.

Eine gute Nachricht. Aber kaum hat sich ein hier ursprünglich heimisches Tier wieder angesiedelt, gibt es schon die ersten Neider. Es sind vor allem die Landwirte, die die Eingriffe des Bibers in die Natur nicht mögen. Und nun – so der Wille von Landwirtschaftsverbänden und einigen Landräten in Bayern – sollen die bis zu 30 Kilogramm schweren Nager wieder getötet werden.

Damit die Menschen nicht sofort auf die Barrikaden gehen, wird im Behördendeutsch von der 'Entnahme' gesprochen. Das bedeutet aber nichts anderes als die Tötung des Tieres. Die Kritiker behaupten, durch das Aufstauen von Flüssen und Bachläufen sorge der Biber dafür, dass ganze Felder unter Wasser stünden. In der Marktgemeinde Au in der bekannten Hopfenregion Hallertau hat der Rat Mitte Oktober beschlossen, einen "Antrag auf Entnahme" zu stellen.

Noch liegt die Abschussgenehmigung nicht vor, es könnte aber sein, dass nach mehr als 40 Jahren bald der erste Biber in Deutschland getötet wird. Und das aus dem einfach Grund, dass er genau das macht, was wir Menschen seit 10.000 Jahren tun: Er verändert die Landschaft.

Mit welchem Recht beanspruchen wir Menschen das Land eigentlich für uns?

Im Gegensatz zum Menschen zerstört der Biber aber seine Landschaft nicht, sondern er gestaltet sie um. Davon profitieren zum Beispiel Reiher, Kormorane, Frösche und andere Reptilien, Otter und unzählige Insekten, die in den neu entstehenden Teichen, Wasserarmen und Seen leben und jagen. Die Veränderungen, die der Mensch der Landschaft in den letzten 500 Jahren zugefügt hat, hatten indes meist verheerende Folgen für die Bewohner von Wald und Flur. Ihr lebensraum wurde zerstört.

Es ist also eigentlich alles beim Alten: Wilde Tiere ja, aber wehe, sie kommen mit uns und unseren Interessen ins Gehege. Dann müssen sie weg. Entnommen werden. So geschehen schon damals bei dem 'Problembär' Bruno bzw. JJ1 wie er eigentlich hieß. Der junge Bär kam aus Italien nach Norden gewandert, er war der erste Braunbär, der in Deutschland 170 Jahre nach der Ausrottung wieder auftrat. Doch er musste sterben, weil sein Verhalten als problematisch eingestuft wurde. Genauso ergeht es derzeit vielen Wölfen, die aus Osteuropa in deutsche Wälder vordringen.

Mit welchem Recht beanspruchen wir Menschen das Land eigentlich für uns? Warum können wir es nicht mit einem Biber teilen? Warum arrangieren wir uns nicht mit der Natur? Die Befürworter eines Abschusses argumentieren, sie wollten die Population ja nur auf ein erträgliches Maß drücken. Das ist angesichts einer explodierenden 'Population' von uns Menschen ein ziemlich egoistisches und zynisches Statement.

Und hätten wir nicht in den vergangenen 200 Jahren alle natürlich Feinde des Bibers ausgerottet wie Bären, Wölfe und Luchse, dann müsste man sich um eine 'erträgliche Population' ohnehin keine Gedanken machen, denn die Natur hat immer Mittel und Wege zur ganz natürlichen Regulierung gefunden.