Tafel-Chef warnt: 500.000 Kinder und Jugendliche brauchen Hilfe

Immer mehr Kinder müssen zur Tafel: Hier wächst "die Altersarmut von übermorgen" heran

19. September 2019 - 8:15 Uhr

Altersarmut nimmt deutlich zu

Diese Warnung sollte unserer Politik zu denken geben. 1,65 Millionen Menschen in Deutschland brauchen regelmäßig Hilfe von den Tafeln - und die Zahl steigt. Vor allem Rentner haben oft so wenig Geld, dass sie ohne die Lebensmittelgaben nicht mehr über die Runden kommen. Doch auch bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich eine besorgniserregende Entwicklung.

"Kinder, die jetzt zur Tafel gehen, stehen in der Gefahr, die Altersarmen von übermorgen zu werden"

Inzwischen gehen 1,65 Millionen Menschen in Deutschland zur Tafel, gab der Vorsitzende des Vereins Tafel in Deutschland, Jochen Brühl, bekannt. Obwohl die Politik in Deutschland Familien besonders fördern will, müssen auch immer mehr Kinder und Jugendliche durch die Tafeln versorgt werden. Insgesamt 500.000 von ihnen müssen die Angebote in Anspruch nehmen - zehn Prozent mehr als im Vorjahr, sagt Brühl und warnt: "Diese Kinder und Jugendlichen, die jetzt zur Tafel gehen, stehen in der Gefahr, die Altersarmen von übermorgen zu werden."

Wie die Altersarmut heute aussieht, erleben Brühls Mitarbeiter jeden Tag.  Als "besonders dramatisch" bezeichnete der Tafel-Chef einen 20-prozentigen Anstieg bei der Gruppe der Senioren. Niedrige Renten oder Grundsicherung im Alter seien hinter Langzeitarbeitslosigkeit der zweithäufigste Grund, warum Menschen zur Tafel gehen. Rund jeder vierte Kunde ist Senior. "Das ist natürlich sehr erschreckend, weil wir wissen, dass viele Menschen, die Rentnerinnen und Rentner sind, sich oft schämen, Leistungen in Anspruch zu nehmen."

"Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit einer Wucht überrollen"

Altersarmut von morgen: Ein Kind in der Schlange einer Tafel.
Ein Kind in der Schlange einer Tafel.
© picture-alliance/ dpa, Stefan Sauer

Eine kürzlich veröffentlichte Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigte, dass mehr als jeder fünfte Rentner in Deutschland in 20 Jahren von Altersarmut bedroht sein könnte. "Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit einer Wucht überrollen", warnte Brühl. Während die Große Koalition weiterhin mehr einzunehmen als auszugeben versucht und an der schwarzen Null festhält, weisen die Tafeln bereits seit Jahren auf das Problem hin - ohne "großen Wurf" aus der Politik oder einen gesellschaftlichen Aufschrei. Dabei gehöre das Thema "ganz oben auf die Agenda", tiefgreifende Reformen seien nötig, so der Vorsitzende.

"Ich glaube erst einmal, dass die Tafeln ein Spiegel sind. Und dass uns hier vor Augen geführt wird, was eigentlich in unserer Gesellschaft an vielen Stellen falsch läuft", sagte Brühl im RTL-Interview. "Dass Menschen, die lange gearbeitet haben, nicht von ihrer Rente leben können. Gleichzeitig haben wir einen unglaublichen Überhang an Lebensmittelüberschüssen. Das wir 18 Millionen Tonnen Lebensmittel wegschmeißen und alle zehn Sekunden auf dieser Welt ein Kind verhungert. Das passt nicht zueinander. Und ich denke, dass man nicht nur die Tafeln im Fokus hat, sondern auch sieht was Gesellschaft und Politik leisten müssen, damit es so etwas wie die Tafeln auf Dauer nicht mehr gibt."