Ungleichheit in der Leopoldina-Akadamie

Leopoldina in der Kritik: Frauen fühlen sich nicht repräsentiert

News Bilder des Tages Die Forschungsgemeinschaft Leopoldina ist ein wichtiger Berater der Bundesregierung und macht konkrete Vorschläge für Maßnahmen während der Coronakrise. Halle Saale, 17.04.2020 *** The Leopoldina Research Association is an impor
Die Forschungsgemeinschaft Leopoldina ist ein wichtiger Berater der Bundesregierung.
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Von Victoria Enzenauer

Wie geht es jetzt in Deutschland weiter? Welche Geschäfte dürfen jetzt wieder öffnen? Und wann starten genau die Schulen? All das hat die Bundesregierung bekanntgegeben und sich bei den Lockerungen unter anderem an den wissenschaftlichen Empfehlungen der Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina orientiert. Aber gegen diese Akademie regt sich jetzt Widerstand, denn viele Frauen fühlen sich nicht von ihr repräsentiert. Warum? Wir haben nachgefragt.

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Wissenschaftlerinnen geben Stellungnahme gegen Leopoldina heraus

Wissenschaftlerinnen und Frauenrechtlerinnen sind erbost, nachdem die Vorschläge der Leopoldina-Akademie zur schrittweisen Lockerung nach dem Corona-Shutdown veröffentlicht wurden.

44 deutsche Wissenschaftlerinnen geben schnell eine Stellungnahme heraus, in der sie zeigen, dass sie nicht mit allem einverstanden sind, was in den Empfehlungen steht. Sie bedauern beispielsweise, dass die Bedürfnisse von Familien mit jüngeren Kindern in den Empfehlungen überhaupt nicht beachtet werden. Und auch im Netz ist der Unmut über die Leopoldina groß.

Expertenfeld besteht fast nur aus Männern

Grund für die ganze Aufregung ist die Zusammensetzung des Gremiums, welches an den Empfehlungen gearbeitet hat: Denn von den 26 ExpertInnen, die daran beteiligt waren, sind 24 Personen männlich, das durchschnittliche Alter liegt bei 60 Jahren und ein Migrationshintergrund ist so gut wie gar nicht vorhanden.

Die Bundesregierung orientiert sich aber an genau diesen Vorschlägen, sieht sie quasi als Leitlinien. Und die sollen für ganz Deutschland empfehlen, was der beste Weg ist? Ja, wieso denn nicht, fragen sich die einen. Sollte es nicht egal sein, ob die ExpertInnen Männer oder Frauen sind, wie alt sie sind und woher sie kommen? Ja, müsste es eigentlich. Ist es aber nicht und das kann zu einem großen Problem für uns alle werden.

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"Kinderbetreuung und Vollzeitarbeiten – Das kann gar nicht gleichzeitig funktionieren!“

Die Kontaktsperre bleibt, nur schrittweise öffnen diese Woche wieder kleine Läden, Friseure zum Beispiel oder Autohäuser. Kitas wiederum bleiben erstmal zu. Am besten bis zu den Sommerferien oder vielleicht noch länger. Da fragen sich viele: Wie soll das bitte gehen? So auch die Präsidentin des Deutschen Juristinnenverbands Prof. Dr. Maria Wersig, wie sie im Interview mit RTL erklärt:

"Wir haben hier eine absolute Ausnahmesituation. Natürlich müssen die Lasten in der Gesellschaft verteilt werden und dabei dürfen wir die unbezahlte Arbeit nicht vergessen. Kinderbetreuung und Vollzeitarbeiten – das kann gar nicht gleichzeitig funktionieren!“

Kinderbetreuung ist in Deutschland noch immer Frauensache

Und Kinderbetreuung ist in Deutschland immer noch Frauensache. Auch wenn viele der vorgeschlagenen Maßnahmen sicherlich richtig und wichtig für unsere Gesundheit seien, beim Lesen des Papiers falle auf, die Perspektive von Frauen und Müttern findet überhaupt keinen Platz. Kein Wunder, wenn so wenige Frauen überhaupt an dem Exit-Plan mitwirken, sagt die Juristin.

"Das hat auch mit der Lebenssituation der Erfahrungswelt der Personen zu tun, die gehört werden, die als Experten gelten. Ganz objektiv kann eigentlich keiner sein. Wir sehen die Welt auch, wie wir sind und nicht, wie die Welt ist. Das ist das Problem."

Diskussion über Corona-Elterngeld und Corona-Elternzeit

Prof. Dr. Jutta Allmendinger
Prof. Dr. Jutta Allmendinger.
DAVID_AUSSERHOFER, WZB/David Ausserhofer

Dabei wäre diese Perspektive bei den Überlegungen enorm wichtig. Das deutsche Insitut für Wirtschaftsforderung bringt sogar eine Diskussion über ein Corona-Elterngeld oder Corona-Elternzeit ins Spiel. Eine aktuelle Studie zeigt, dass vor allem alleinerziehende Frauen, Mütter und Familien mit jüngeren Kindern stark von der Corona-Krise betroffen sind. Prof. Dr. Maria Wersig erklärt wieso:

"Frauen sind die Leidtragenden der Coronakrise. Frauen in der ganzen Welt, auch in Deutschland, sind viel stärker von Armut bedroht, arbeiten eher in Berufen, die prekärer sind und schlechter bezahlt werden.“

Auch Politiker und Initiativen fordern finanzielle Entlastungen.

Es ist nicht so, dass nur Frauen die Kinder und Familiensituation im Blick haben können. Ganz im Gegenteil, sagt die renommierte Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung Prof. Dr. Jutta Allmendinger im Interview mit RTL:

"Es geht nicht darum, dass eine jüngere, weiblichere Arbeitsgruppe automatisch frauen- und familienfreundlichere Empfehlungen erarbeitet hätte. Aber es ist schon auffällig, dass genau die Bevölkerungsgruppen, die in der Kommission fehlen, auch in den Empfehlungen nicht vorkommen.“

Viele Expertinnen wurden scheinbar nicht befragt

Auch die Perspektive der Kinder fehle. Kinder können sich nicht mehr mit Freunden treffen, das soziale Lernen fehlt und die Ungleichheit zwischen den Kindern wird immer größer, weil sie unterschiedliche Unterstützung von zu Hause bekommen. Jutta Allmendinger ist selbst Mitglied der Leopoldina, weder sie noch viele andere Expertinnen in der Akademie wurden gefragt, an der Studie mitzuwirken. Das bedauert sie sehr:

"Es gibt in der Leopoldina und darüber hinaus viele exzellente Expertinnen aus unterschiedlichen Bereichen, die man gut hätte fragen können und sollen. Zum Beispiel gibt es die die Junge Akademie […] - die jungen Forscher und Forscherinnen sind, wie ich höre, entgeistert, dass sie nicht gefragt wurden."

Leopoldina zeigt sich einsichtig

Die Forschungsgemeinschaft Leopoldina ist ein wichtiger Berater der Bundesregierung und macht konkrete Vorschläge für Maßnahmen während der Coronakrise. Halle Saale, 17.04.2020 *** The Leopoldina Research Association is an important advisor to the Fe
Leopoldina - Nationale Akademie der Wissenschaften.
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Und was sagt die Leopoldina selbst dazu? Sie zeigt sich einsichtig. "Wir geben Ihnen Recht, dass Frauen in dem Autorenteam unterrepräsentiert sind. Dieses Ungleichgewicht findet sich bedauerlicherweise immer noch in vielen wissenschaftlichen Disziplinen wieder. Wir arbeiten jedoch daran, das zu ändern.“

So wollen sie unter anderem mehr weibliche Mitglieder bekommen und in die Arbeitsgruppen bringen. "Wir werden bei der weiteren Begleitung der Coronavirus-Pandemie und allen weiteren Stellungnahmen durch die Leopoldina ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei der Zusammensetzung von Arbeitsgruppen sicherstellen."

RTL.de-Doku: Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus

NEUE FOLGE: Im zweiten Teil der RTL.de-Doku "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus" stellen wir die Frage: Wie besiegen wir Corona? Dafür gleichen die Autoren die verschiedenen Maßnahmen einzelner Länder rund um den Globus mit den aktuellen Empfehlungen von Forschern ab. Jetzt ansehen!