"Ich möchte lieber das Positive aufsaugen" - Flüchtlingskind Bushra (16) über den Kontakt zu ihren Eltern in Aleppo

Bushra im Gespräch mit Redakteur Konstantin Betsis

Die 16-jährige Bushra Nour ist aus Aleppo geflohen - mit dem ältesten Bruder (24), aber ohne ihre Eltern, die gemeinsam mit Bushras anderem Bruder im Waffenhagel der umkämpften syrischen Stadt gefangen sind.

Im Gespräch mit RTL Next beschreibt die junge Frau, wie schwer es manchmal ist, überhaupt mit ihren Eltern Kontakt aufzunehmen und wie sich beide Seiten trotz allem Kraft geben. Außerdem erklärt das Mädchen, wie sie die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft aufrechthält und warum sie trotz aller Schwierigkeiten nie bereut hat, sich von ihrer Familie zu lösen und den ungewissen Weg in eine neue Zukunft zu gehen.

Bushra, du hast es geschafft, gemeinsam mit deinem Bruder dem Krieg zu entkommen und lebst jetzt seit mehr als einem Jahr in Deutschland, während deine Eltern und dein Bruder weiter in Aleppo festhängen. Wie ist der Kontakt zwischen euch?

Bushra: Unser Kontakt ist manchmal schwer. Manchmal reden wir vier oder fünf Mal pro Tag, und dann hören wir auch wieder vier oder fünf Wochen nichts voneinander. Es ist wichtig für mich, wenigstens SMS von ihnen zu bekommen: wenn sie einfach sagen, dass es ihnen gut geht. Wenn dann wieder was Schlimmes passiert, gibt es länger keine Telefonate oder Videos, aber immerhin SMS!

Wie macht ihr euch gegenseitig Hoffnung, dass deine Eltern und dein Bruder überleben können?

Wir wissen eigentlich nicht, ob sie jemals kommen oder nicht, aber wir versuchen immer positiv zu denken, dass sie es schaffen und wir irgendwann zusammenleben werden. Wir wollen nicht negativ sein und daran denken, dass wir alleine bleiben. Im Gegenteil: Man muss immer positiv bleiben.

Positiv bleiben ist ein gutes Stichwort! Das musstest du sicher auch 2015 während eurer langen Flucht.

Ja, wir sind über die Türkei mit einem Boot nach Griechenland gefahren. Von dort aus sind wir nach Budapest nach Ungarn gelaufen, haben in den fünf Tagen auf der Straße geschlafen. Als wir in Österreich ankamen, hielt uns die Polizei im Gefängnis fest, weil wir keine Pässe und Registrierung hatten. Ich habe viel geweint.

Wie habt ihr es dann doch geschafft, Deutschland zu erreichen? Und wolltet ihr eigentlich von Anfang an hierher?

Als die Österreicher erfahren haben, dass ich erst 16 bin, haben sie mich mit meinem Bruder als meinen Vormund nach Deutschland fahren lassen. Wir wollten immer schon hierher, weil Deutschland doch das beste Land ist. Hier gibt es eigentlich keinen Rassismus und schon viel Integration.

Und für deine Eltern ist es sicher schön zu sehen, dass es euch gut geht.

Natürlich, für alle Eltern ist es schön zu sehen, wenn die Tochter oder der Sohn in Sicherheit sind und etwas für ihre Zukunft aufbauen können. Sie ziehen viel Kraft daraus. Natürlich vermissen sie uns und wir sie auch, aber es ist besser, wenn sie wissen, dass es die richtige Entscheidung war, dass wir geflüchtet sind.

Erfährst du in euren Gesprächen dann auch, wie die Situation vor Ort in Aleppo ist? Wie sich schützen können, ob es Maßnahmen gibt, um zu überleben?

Ich weiß eigentlich gar nichts Genaueres. Vielleicht redet mein Bruder mit ihnen darüber, aber ich weiß es einfach nicht und möchte lieber – solange es eine Internetverbindung gibt und ich sie höre – wissen, wie es ihnen geht und das Positive aufsaugen. Sie fragen mich, was ich mache. Ich erzähle ihnen von meinem Leben hier.

Ein gutes Beispiel für viele andere Flüchtlinge.

Ich möchte eigentlich allen sagen: es gibt viele Kinder, die denken, dass sie nicht leben können, wenn sie weit von ihren Eltern weg sind. Aber das ist nicht so: Wenn du alleine bist, bist du stärker, weil du versuchst, das Beste aus deiner Situation zu machen. Man muss das Leben so nehmen wie es kommt und die Hoffnung in sich tragen, das Beste daraus zu machen.

Ein toller Gedanke - wir wünschen dir und deiner Familie alles Gute auf eurem weiteren Weg! Vielen Dank für das Gespräch.