"Ich dachte, wir müssten hungern, um unser Land zu retten" – so leben die Menschen in Nordkorea

22. April 2017 - 15:15 Uhr

Kaum jemand wagt die Flucht

Die Mehrheit der rund 25 Millionen Nordkoreaner lebt in großer Armut. Die Flucht ins Nachbarland wagt trotzdem kaum jemand, denn denen die dabei erwischt werden droht der Tod. Viele wollen ihre Heimat auch gar nicht verlassen, denn die Propaganda zeichnet ein abschreckendes Bild vom südkoreanischen Nachbarn. Einige wenige haben es dennoch gewagt. Was sie vom Leben im abgeschotteten Norden erzählen, ist erschreckend.

RTL-Reporterin Pia Schrörs trifft Flüchtling aus Nordkorea
RTL-Reporterin Pia Schrörs hat Choi Song Jook getroffen, die aus Nordkorea geflohen ist.

RTL-Reporterin Pia Schrörs hat eine Frau getroffen, die es geschafft hat. Vor nicht einmal einem Jahr hätte sich Choi Song Jook nie träumen lassen, dass sie heute in der südkoreanischen Millionenstadt Incheon lebt und arbeitet. Damals hauste sie mit ihren Kindern in einer Hütte im Wald. Jeden Tag kämpfte die Familie gegen den Hunger. Denn weil Diktator Kim Jong Un die Staatseinnahmen lieber in eine riesige Armee steckt, bleibt für die einfache Bevölkerung kaum etwas übrig – Nahrungsmittel- oder Gesundheitsversorgung gibt es nicht.

Choi wollte nie fliehen

Choi versuchte, ihre Familie mit Gras und gemahlener Baumrinde am Leben zu halten. Einer ihrer Söhne starb an Unterernährung; er wurde nur vier Jahre alt. So wie ihr ergeht es vielen Nordkoreanern. "Ich habe immer noch die Bilder von toten Kinderkörpern im Fluss im Kopf, die ich jeden Tag dort gesehen habe", erzählt sie. Heute lebt die Frau in einer anderen Welt. Sie arbeitet in einem Restaurant – Essen im Überfluss – trotzdem nimmt Choi nur wenige Bissen zu sich. "Ich kann nur wenig essen, weil ich dabei immer an meine Verwandten im Norden denken muss", erklärt sie. Die Erinnerungen an ihre Heimat sind noch zu lebendig.

Choi hatte eigentlich nie vor, zu fliehen. Doch ihre Tochter wagte den Schritt als erste. Die Mutter hielt sie darum für eine Verräterin, die zum Feind übergelaufen war. Weil sie ihr Kind noch einmal sehen wollte, wagte auch Choi die heimliche Grenzüberquerung zusammen mit ihrem Sohn. Ursprünglich hatte sie vor, wieder nach Nordkorea zurück zu kehren und sich zu stellen. Doch als sie einmal in Freiheit angekommen war, erkannte sie, die Propaganda-Lügen, die das Regime verbreitet hatte, um die Bevölkerung ruhig zu stellen.

"Kim Jong Un, du Verräter, du solltest sterben"

Nordkoreas Staatsoberhaupt Kim Jong Un
Nordkoreas Staatsoberhaupt Kim Jong Un winkt während einer Militärparade.
© dpa, Wong Maye-E, WM jhe

"Jeder in Nordkorea glaubt, dass der Süden noch viel ärmer ist. Sie erzählen, dass die Straßen voll mit Panzern und Soldaten sind, die auf uns Nordkoreaner warten, um uns das Blut aus dem Körper zu ziehen, bis wir sterben", sagt Choi. "Ich habe gedacht, dass wir das Militär dringender brauchen als alles andere, weil die USA und Südkorea uns sonst jederzeit vernichten würden. Ich dachte, wir müssten hungern, um unser Land zu retten."

Erst als sie den Wohlstand in Südkorea mit eigenen Augen sah, verstand sie, dass man ihr ein Leben lang nur Lügen erzählt hatte. Wenn sie heute Bilder aus ihrer Heimat sieht, steigt in ihr die pure Wut auf. "Kim Jong Un, du Verräter, du solltest sterben", sagt sie. Früher wäre sie für so eine Aussage erschossen worden. "Ach, es tut so gut, in einem freien Land zu leben!", erzählt sie erleichtert. Sie arbeitet hart und spart Geld, um auch den Rest der Familie aus Nordkorea nachzuholen.