Hurrikan 'Sandy' teilt New York in Steinzeit und Moderne

09. November 2012 - 10:23 Uhr

"Mir gruselt es jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit fahre"

New York ist schon immer eine Stadt der Gegensätze, nirgendwo prallen Arm und Reich so geballt aufeinander wie im 'Big Apple'. Nach den Verwüstungen durch Hurrikan 'Sandy' verläuft die Trennlinie zwischen Moderne und Steinzeit entlang der 39. Straße in Manhattan. Betroffen ist jeder - unabhängig von seinem Einkommen.

New York, Halloween, Sandy
Erstmals seit 39 Jahren wurde die berühmte Halloween-Parade in New York abgesagt.
© dpa, Peter Foley

Glücklich ist, wer nördlich der 39. Straße wohnt, denn da gibt es Internet, Fernsehen und Handyempfang - sogar U-Bahn, Bus und Ampeln funktionieren sporadisch wieder. Ein ganz andere Szenerie spielt sich südlich der 39. Straße ab. Statt Leben im Luxus-Lifestyle heißt es hier Überleben im Großstadtdschungel. Tag drei ohne Strom und fließendes Wasser, da werden selbst Hartgesottene schnell weich. "Momentan gruselt es mir jeden Morgen, wenn ich früh zur Arbeit fahre und es überall dunkel ist", sagte ein Polizist aus Brooklyn. Damit dürfte er nicht alleine sein - und das jetzt zu Halloween.

Viele New Yorker haben sich deshalb zurzeit bei Freunden einquartiert oder 'wandern' für kurze Zeit in die höher gelegenen Stadtteile aus, um wieder die Annehmlichkeiten des Alltag genießen zu können. "Ich habe zu Hause keinen Strom, muss mich aber endlich mal wieder bei meinen Eltern melden, sonst machen die sich Sorgen", sagt eine Studentin, die in einem prall gefüllten Café sitzt.

Sie hat wie so viele ihr Smartphone mitgebracht, um es aufzuladen. Andere kaufen in den geöffneten Supermärkten der Umgebung ein. Wieder andere bleiben gleich ganz hier in der verschont gebliebenen Gegend. "Ich wohne auf der Lower East Side und habe keinen Strom und nur kaltes Wasser", sagte die Mitarbeiterin einer Immobilienverwaltung. "Deswegen übernachte ich heute Nacht bei Freunden, wo ich endlich mal wieder warm duschen kann."

500 Patienten des Bellevue Krankenhauses evakuiert

Auch US-Präsident Barack Obama hat sich bei seinem gestrigen Besuch im Krisengebiet ein Bild von der verheerenden Lage gemacht - noch immer sind sechs Millionen Amerikaner an der US-Ostküste ohne Strom. Obama versprach den Opfern in den betroffenen Gebieten schnelle Hilfe. Priorität habe die Wiederherstellung der Stromversorgung, betonte er. Mindestens 88 Menschen sind bisher durch die Folgen des Wirbelsturms gestorben. "Wir sind für euch hier. Wir werden nicht vergessen", beteuerte der US-Präsident in New Jersey.

Zwar ist 'Sandy' längst abgezogen, doch die Folgen des Wirbelsturms spüren viele Amerikaner auch heute noch am eigenen Leib. So mussten rund 500 Patienten des Bellevue Krankenhauses nahe dem East River in Manhattan wegen Problemen bei der Versorgung in Sicherheit gebracht worden. Das Hospital habe nach dem Sturm zunächst mit Notstrom-Generatoren funktioniert, dann seien aber auch diese ausgefallen, hieß es.

Verschärft wird der Stromengpass durch drei abgeschaltete Kernkraftwerke in den Unwettergebieten, die weiter außer Betrieb bleiben. Lediglich der Reaktor Indian Point im Staat New York solle in den nächsten Tagen wieder ans Netz gehen, gab ein Sprecher der Atomaufsichtsbehörde NRC in Pennsylvania, Neil Sheehan, bekannt. Sheehan betonte, es gebe keinerlei Ähnlichkeiten mit dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima. "Diese Reaktoren, die abgeschaltet worden waren, hätten keinerlei Komplikationen aufgewiesen."

In den am schlimmsten betroffenen Gegenden New Yorks werden nun kostenlos Essen und Trinken ausgegeben. Wasserflaschen und haltbare Lebensmittel würden ab sofort mehrere Stunden täglich verteilt, sagte Bürgermeister Michael Bloomberg bei einer Pressekonferenz. Jeder dürfte fünf Wasserflaschen und drei vorbereitete Mahlzeiten nehmen.

Die Schäden durch 'Sandy' könnten sich einer Expertenschätzung zufolge auf bis zu 50 Milliarden US-Dollar (rund 39 Mrd. Euro) belaufen. Das teilte der auf Risikoanalysen spezialisierte Versicherungsdienstleister Eqecat mit.

Angesichts der riesigen Schäden ist die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung groß. Allein beim Roten Kreuz kamen in den USA mehr als elf Millionen Dollar (etwa 8,5 Millionen Euro) an. Medienmogul Rupert Murdoch spendete ebenso wie die Autobauer Toyota und Ford. Der bislang größte bekannte Einzelspender wollte aber zunächst anonym bleiben: Der Unbekannte habe der Stadt New York 2,5 Millionen Dollar zugesichert, sagte Bürgermeister Michael Bloomberg.

Auch zahlreiche Promis wollen die Aufräumarbeiten unterstützen. Für heute Abend kündigte Bon Jovi gemeinsam mit Stars wie Sting, Billy Joel und Bruce Springsteen ein Benefiz-Konzert in New York an, bei dem Spenden für die 'Sandy'-Geschädigten gesammelt werden sollten.