Human Rights Watch deckt auf: Systematische Folter in Syriens Gefängnissen

22. Januar 2014 - 14:52 Uhr

"Staatliche Politik der Folter und Misshandlung"

Systematische Folter und Verbrechen gegen die Menschlichkeit hat Human Rights Watch (HRW) der syrischen Regierung vorgeworfen. Die Menschenrechtsorganisation hat nach eigenen Angaben 27 Gefängnisse des Geheimdienstes identifiziert, in denen regelmäßig gefoltert wird. Ein Bericht listet die Einrichtungen auf - mit Ort, zuständiger Behörde, Foltermethoden und oft auch dem verantwortlichen Offizier.

Syrien, Folter
Die Karte von Human Rights Watch zeigt die Standorte der 27 Foltergefängnisse in Syrien.

"Das Muster dieser systematischen Misshandlungen, das HRW hier dokumentiert, zeigt klar eine staatliche Politik der Folter und Misshandlung auf. Damit erfüllt es die Bedingungen für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit", teilte die Organisation mit.

"Die Geheimdienste betreiben ein Netz von über das Land verstreuten Folterzentren", sagte HRW-Gutachter Ole Solvang. "Mit der Veröffentlichung der Orte und Foltermethoden und der Identifizierung der Vorgesetzten wollen wir zeigen, dass sich diese für die furchtbaren Verbrechen werden verantworten müssen."

Human Rights Watch hat den Bericht eigenen Angaben zufolge aus den unterschiedlichsten Quellen zusammengestellt. Den Kern stellten mehr als 200 Befragungen dar, die die Organisation seit Beginn der Niederschlagung der Proteste im März vergangenen Jahres aufgezeichnet habe.

HRW fordert Sanktionen vom UN-Sicherheitsrat

Die Organisation geht davon aus, dass die identifizierten 27 Gefängnisse nur ein kleiner Teil des Grauens sind. "Wir haben nur die Aussagen verwendet, die uns als 100 Prozent glaubwürdig erscheinen, auf die anderen haben wir verzichtet", sagte HRW-Deutschland-Direktor Wenzel Michalski dem Audiodienst der dpa in Berlin. Die Dunkelziffer sei weit höher. "Wir gehen von Tausenden (Foltergefängnissen) aus."

Die Interviews belegen auch die Folter von Kindern. "Das jüngste Folteropfer, mit dem wir gesprochen haben, war ein elfjähriger Junge", sagte Michalski. Er spricht von "schlimmster Folter": Die Menschen seien mit Kabeln geschlagen und mit Elektroschocks misshandelt worden, einigen hätten die Folterer die Fingernägel herausgerissen. Die Glaubwürdigkeit der Befragten sei genau überprüft worden: "Wir haben sie zum Teil auch die Zellen aufmalen lassen, damit wir genau überprüfen konnten, ob die Aussagen stimmen." Außerdem seien Satellitenfotos vorgelegt worden, so Michalski.

Die Menschenrechtsorganisation forderte den UN-Sicherheitsrat auf, Sanktionen gegen das Regime in Damaskus zu verhängen, damit das Töten ein Ende finde. Wie viele Menschen inzwischen starben, ist unklar, weil die Regierung keine unabhängigen Gutachter ins Land lässt. Die Vereinten Nationen gehen von mindestens 12.000 Toten aus, die meisten von ihnen Zivilisten.

Indes äußerte Syriens Präsident Baschar al-Assad nach dem Abschuss eines türkischen Militärflugzeugs sein Bedauern. Erst nach dem Vorfall im Juni hätten die syrischen Stellen erkannt, dass es sich um ein türkisches Flugzeug gehandelt habe, sagte Assad in einem Interview der türkischen Zeitung 'Cumhuriyet'. Er werde nicht zulassen, dass sich die Spannungen zwischen beiden Ländern zu einem Krieg ausweiteten. Die türkische Regierung reagierte kühl und wies Assads Äußerungen als Propaganda zurück.