Mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen

Horror-Mutter muss ins Gefängnis: Sohn jahrelang misshandelt und gedemütigt

3. April 2019 - 18:12 Uhr

"Es gab keinen Tag, an dem nichts war"

Zwei Jahre lang waren Schikane und Schläge für einen Jungen aus Emsbüren im Emsland grausame Realität. Laut Staatsanwaltschaft Osnabrück handelt es sich um einen der schwersten Misshandlungsfälle der vergangenen Jahre. Heute ist das Urteil gegen Martina S. und den Stiefvater des Jungen gefallen. Welche Szenen sich vor Gericht abspielten, sehen Sie im Video.

Müllsäcke für „unhygienischen“ Sohn

Im 10.000-Einwohner-Ort Emsbüren ahnte niemand, was sich hinter verschlossenen Türen im Haus von Martina S. abspielte. Vor dem Landgericht Osnabrück kamen die schrecklichen Details nun ans Licht. RTL-Reporterin Mareike Baumert war vor Ort. Sie berichtet, dass der heute 18-jährige Sohn auf einem Lattenrost auf dem Boden schlafen musste, nicht zur Toilette gehen oder beim gemeinsamen Familienessen dabei sein durfte. Die Mutter habe den damals 16-Jährigen immer wieder mit dem Kopf gegen eine Wand geschlagen und ihn gezwungen, nach der Schule Müllsäcke und Mundschutz zu tragen - weil sie ihn wegen seiner Laktoseintoleranz unhygienisch fand.

Als das dritte Kind der Familie geboren wurde, soll die Situation endgültig eskaliert sein. Die Mutter sagte aus, sie habe Angst gehabt, dass sich das Baby beim Jungen ansteckt und habe ihn deshalb komplett vom normalen Familienleben ausgeschlossen. Der 48-jährige Stiefvater soll einfach nur zugesehen haben. Auch er ist mitangeklagt. Aus Angst vor einer Trennung sei er still geblieben, sagt er. Sein einziger Eingriff: Er soll Martina S. gefragt haben, ob sie eine Meise habe.

Ende 2017 dann ging die jüngere Schwester des Opfers mit ihrem Freund zur Polizei. Sie hatte ihren Bruder in Mülltüten fotografiert und die Prügelattacken gefilmt. Die Eltern verloren das Sorgerecht, die drei Kinder werden seither von Polizei und Jugendamt betreut. 

„Wenn Besuch kam, war alles ganz normal“

Obwohl die Familie vom Jugendamt betreut wurde und regelmäßig Besuch bekam, will niemand etwas gemerkt haben. Die Richterin im Prozess: "Es scheint unfassbar, dass diese unerträgliche Situation über zwei Jahre unentdeckt blieb." Doch bei den angekündigten Besuchen wurde "normale" Familie gespielt. Die Kinder trauten sich nicht, etwas zu sagen.

Der Sohn trat im Prozess als Nebenkläger auf. Seine Aussage wurde per Video aufgenommen, um ihm zu ersparen, seinen Eltern noch einmal direkt in die Augen schauen zu müssen. In der vierstündigen Vernehmung sagte er: "Es kam öfter vor, es war nicht jeden Tag, aber es gab keinen Tag, an dem nichts war." Um die Horrortaten zu verarbeiten, steht dem 18-Jährigen eine langjährige Traumatherapie bevor.

Mutter weint bei Urteilsverkündung

Heute hat das Landgericht Osbabrück Martina S. zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Der Stiefvater kam mit einer Verwarnung davon. RTL-Reporterin Baumert: "Die Angeklagte schüttelt bei der Urteilsbegründung den Kopf. Als es um die Auswirkungen für ihren Sohn geht, weint sie. Auch die Richterin betont, dass die Mutter durchaus ihre Tat bereut, ihr gleichzeitig die physischen Folgen für ihren Sohn aber nicht bewusst waren."