„In meiner Zelle saß ein Zwölfjähriger, der im ganzen Gesicht geblutet hat“

Das erlebte Student Marius bei seiner Festnahme in Hongkong

22. November 2019 - 11:43 Uhr

Deutscher Student gibt nach seiner Freilassung ein Interview

Demokratie, Menschenrechte, Freiheit – das fordern die Demonstranten in Hongkong. Am Rande der Proteste wurden auch zwei deutsche Studenten festgenommen. Marius (Name geändert, d.R.) ist einer der beiden. Der junge Mann ist inzwischen wieder auf freiem Fuß und sicher zurück in Deutschland. In einem Interview mit dem Handelsblatt, das wir im Video zeigen, erzählt er, was er im Polizeigewahrsam und im Verhör erlebt hat.

Polizisten in Hongkong nahmen die beiden Deutschen fest

Er und sein Freund wollten abends nach der Uni noch etwas essen gehen. In dem Viertel der Stadt, wo sie unterwegs waren, gab es ebenfalls Proteste. Sie hätten eine Sitzblockade gesehen, seien aber nicht näher hingegangen, sondern in eine Mall in der Nähe. "Es war Tränengas in der Luft. Dann kam eine Gruppe von circa zehn Polizisten um die Ecke und hat uns aus dem Nichts verhaftet", erzählt Marius. "Die Polizisten waren sehr aggressiv. Wir wurden lautstark angeschrien."

Den beiden Studenten wurden mit Kabelbindern die Hände gefesselt und sie wurden auf die Polizeiwache gebracht. Ihnen wurden Handys und Portemonnaies abgenommen. Alles, was die Studenten bei sich hatten, wurde in Plastiktüten verpackt.

„Wir wussten nicht, was mit uns passieren wird“

Student Marius wurde in Hongkong verhaftet
Marius (r.) im Interview mit der "Handelsblatt"-Reporterin. Um anonym zu bleiben, zeigt er sein Gesicht vor der Kamera nicht.
© Handelsblatt

"In meiner Zelle saß ein Zwölfjähriger, der im ganzen Gesicht geblutet hat", erinnert sich Marius. "Wir wussten nicht, was mit uns passieren wird", erzählt er. Sie hätten auch keine Information darüber gehabt, ob überhaupt jemand Bescheid wisse. Nach zwölf Stunden sei er dann zum Verhör abgeholt worden. "Die Fragen wurden auf Kantonesisch gestellt, dann ins Englische übersetzt und dann von einem deutschen Übersetzer ins Deutsche übersetzt." Er habe alle Vorwürfe bestritten, denn die seien alle aus der Luft gegriffen gewesen.

Am Abend durfte er dann kurz mit seinem Anwalt sprechen. "Er hat mir gesagt, dass wir auf Kaution freikommen", erzählt der Student. Ein Freund, der ebenfalls in Honkong war, habe die Kaution gezahlt, sodass die beiden Deutschen die Polizeiwache wieder verlassen konnten.

„Die Hongkonger, die verhaftet werden, werden brutal zusammengeschlagen“

Er ist sicher, dass er nur so glimpflich davonkam, weil er einen deutschen Pass hat und das Konsulat sich um die Freilassung bemühte. "Die Hongkonger, die verhaftet werden, werden brutal zusammengeschlagen", erzählt Marius im Interview. "Ich habe schlimme Geschichten von Folter, von Waterboarding gehört. Ich habe von Leuten gehört, die nach ihrer Verhaftung nicht mehr aufgetaucht sind."

Trotzdem ließen sich die jungen Leute in Hongkong nicht davon abhalten, für Freiheit und Menschenrechte auf die Straße zu gehen. Sie seien bereit, ihr Leben dafür zu geben, damit nachfolgende Generationen in Demokratie leben könnten. "Das kann man nur verstehen, wenn man ein paar Monate mit denen zusammengelebt hat", meint Marius.