Ehemaliger SS-Mann kriegt 2 Jahre auf Bewährung

Holocaust-Überlebende über KZ: Ich wurde nicht getötet, weil ich Akkordeon spielte

24. Juli 2020 - 11:33 Uhr

Zeitzeugin: "Zwei Jahre auf Bewährung, da kann er glücklich sein."

Das Landgericht Hamburg hat einen ehemaligen SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig zu zwei Jahren Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt. Die Jugendstrafkammer sprach den 93 Jahre alten Angeklagten am Donnerstag der Beihilfe zum Mord in 5232 Fällen und wegen Beihilfe zu einem versuchten Mord schuldig. Esther Bejarano wurde mit 18 Jahren als sogenannte Vierteljüdin ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Wie sie das Urteil aufgenommen hat, erzählt uns die Zeitzeugin im Video. 

Esther Bejarano überlebt, weil sie Akkordeon spielt

Ihre Schwester und ihre Eltern werden von den Nazis umgebracht, deshalb ist Esther Bejarano als Jugendliche auf sich gestellt. Dass sie im Mädchenorchester des Konzentrationslagers Akkordeon spielt, rettet ihr das Leben. Sie erinnert sich noch genau: "Dass ich da stehen musste und spielen musste und neue Züge ankamen, von denen wir wussten, dass diese Züge in die Gaskammer gehen und die Menschen, die uns zugehört haben in den Zügen, die die Fenster offen hatten und uns zugewunken haben, weil sie gedacht haben, wo Musik spielt, kann's ja nicht so schlimm sein. Aber wir wussten genau, was geschieht, die gehen in den Tod."

Die Tötungsmaschinerie, an der Wachmänner wie Bruno D. beteiligt waren: Die heute 95-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, wie es damals in den Konzentrationslagern zugegangen ist. "In Stutthof sind ganz ganz viele Verbrechen begangen worden. Und wenn er auf einem Turm gestanden hat und nichts gesehen haben will, dann ist das eine Lüge."

Wichtiger denn je, daran zu erinnern

Aufklären darüber, was damals geschehen ist, das ist Esther Bejaranos Lebenswerk und der Auftrag von Gedenkstätten wie der in Neuengamme. "Gerade in heutigen Zeiten ist es wichtiger geworden, weil wir in Deutschland und in ganz Europa und weltweit ein Wiedererstarken von Rechtsextremismus und Antisemitismus erleben. Und es ist keineswegs so, dass alles aufgearbeitet wäre und daher ist es auch weiterhin wichtig, daran zu erinnern", Oliver von Wrochem, Gedenkstättenleiter KZ Neuengamme.