Hoffnung und Aufräumen in Beirut

Nach der Explosion: Braut Israa half noch im Hochzeitskleid verletzten Menschen

08. August 2020 - 19:30 Uhr

Israa wurde im Brautkleid von der Druckwelle der Explosion erfasst

Israa Seblani hatte ihre Hochzeit in Beirut monatelang bis ins Detail geplant. Doch dann kam alles ganz anders: Als die Braut sich nach der Trauung in ihrem Kleid filmen ließ, gab es eine gewaltige Explosion im Hafen der Stadt. Das Video, wie die Braut von der Druckwelle erfasst wird, ging um die Welt. Die Explosion zerstörte nicht nur Israas Hochzeitsträume, sondern legte große Teile der Stadt in Schutt und Asche. Mehr als 150 Menschen starben, Tausende wurden verletzt. Trotzdem hat die Braut ihren Mut nicht verloren, wie sie im Interview im Video sagt.

Ärztin Israa fing nach der Explosion in Beirut sofort an, zu helfen

Israa dachte für den Bruchteil einer Sekunde, dass sie sterben würde. Dann, als sie sich vom ersten Schock erholte und feststellte, dass sie unverletzt überlebt hatte, fing sie sofort an, anderen zu helfen. "Ich habe mir gesagt: Israa, du bist Ärztin. Du trägst gerade weiße Kleidung wie im Krankenhaus. Also los! Mach deinen Job", erzählt sie. Statt mit ihrem frisch gebackenen Ehemann die Hochzeitstorte anzuschneiden und den ersten Tanz als Ehepaar zu tanzen, kümmerte sich die 29-Jährige in Spitzenkleid und Schleier um die Menschen, die bei der Explosion nicht so viel Glück gehabt hatten wie sie selbst.

Israa lebt eigentlich in den USA, dorthin will sie aber vorläufig noch nicht zurück, denn sie hat das Gefühl, dass sie gerade in ihrem Heimatland mehr gebraucht wird. Sie wolle nicht abreisen, bevor sie ihrem Land nicht geholfen habe, sagt sie. Wo auch immer sie gebraucht werde, sie will mit anpacken.

Tausende Freiwillige räumen in Beirut wieder auf

Viele Menschen in Beirut fühlen im Moment ähnlich wie Israa. Freiwillige bringen Essen und Getränke zum Hafen und in die umliegenden Viertel, um so die Aufräumarbeiten nach der verheerenden Explosion zu unterstützen. Jeder fasst an, wo er kann. So wie der junge Pfadfinder Alessio Zughaib, der an einem Tisch vor einem Krankenhaus Wasser und Äpfel verteilt. "Wir, die Menschen des Libanons, schaffen den Schutt weg, nicht die Regierung", sagt er.

Auch Silina Jamut, die extra aus der Küstenstadt Tyre angereist ist, hilft mit Essensspenden im beliebten Ausgehviertel Dschemmaiseh. "Wir sammeln Geld und kaufen Essen für die Freiwilligen, die die Häuser und Straße reinigen", erklärt sie. "Es bricht einem das Herz, diese Verwüstung zu sehen", sagt der Architekt George Duwaihi. Auch er ist als Freiwilliger vor Ort, um zu helfen, die historischen Häuser zu retten, die nach der Explosion vom Einsturz bedroht sind.

 May 24, 2012, Beirut, Beirut, Lebanon: A picture shows destruction on August 6, 2020 in the aftermath of a massive explosion in the Lebanese capital Beirut. Rescuers searched for survivors in Beirut after a cataclysmic explosion at the port sowed de
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© imago images/ZUMA Wire, Marwan Bou Haidar via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Proteste gegen die Regierung eskalieren

Tausende protestierten friedlich gegen die politische Führung. Sie machen die Regierung für die Explosion mit mehr als 150 Toten und mehr als 6.000 Verletzten verantwortlich. Einige Demonstranten versuchten, die Absperrung zum Parlament zu durchbrechen. Dabei warfen sie Steine. Sicherheitskräfte setzten massiv Tränengas ein, um die Menschen aufzuhalten.

Mindestens 130 Menschen wurden bei den Auseinandersetzungen mit der Polizei verletzt. 28 von ihnen seien in umliegende Krankenhäuser gebracht, 102 vor Ort behandelt worden, teilte das libanesische Rote Kreuz über Twitter mit. Ein Polizeibeamter sei getötet worden, sagte ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur Reuters.

Der libanesische Ministerpräsident Hassan Diab will Neuwahlen beantragen. Dies sei der einzige Weg, um die tiefe Krise des Landes zu überwinden, erklärt er. Diab wies eine Verantwortung für die wirtschaftlichen und politischen Probleme des Landes zurück.

 BEIRUT, LEBANON - AUGUST 8, 2020: People take part in a protest on a city street, demanding the resignation of the government led by Prime Minister Hassan Diab and early parliamentary election. The August 4 explosion in the port area of Beirut resul
BEIRUT, LEBANON - AUGUST 8, 2020: People take part in a protest on a city street, demanding the resignation of the gove
© imago images/ITAR-TASS, Maxim Grigoryev via www.imago-images.de, www.imago-images.de

„Die Libanesen sind stark. Wir können alles schaffen"

Die Nonne Nicola al-Akiki leitet das Wardiah-Krankenhaus nur 500 Meter von der Unglücksstelle entfernt. Auch ihre Einrichtung wurde von der Explosion hart getroffen, kann aber dank vieler helfender Hände schnell wieder Patienten versorgen. "Junge Freiwillige haben unsere Klinik vom Schutt befreit und gereinigt", erzählt die Nonne. "Sie sind Engel. Alle Libanesen helfen sich gegenseitig."

Auch Israa, die erzählt, dass ihr Traum von einer Hochzeit in weiß zerplatze wie die Fensterscheiben in Beirut, hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Sie ist fest davon überzeugt, dass Beirut mit vereinten Kräften wieder aufgebaut wird und alle Verletzten und Obdachlosen versorgt werden können. "Es gibt immer Hoffnung", sagt sie. "Die Libanesen sind stark. Wir können alles schaffen, wenn wir zusammen Hand in Hand arbeiten."