Auch bei schweren Fehlbildungen sind Abtreibungen nicht erlaubt

"Hölle der Frauen": Abtreibungen in Polen quasi verboten - Tausende gehen auf die Straße

28. Januar 2021 - 14:12 Uhr

Im Video: Tausende demonstrieren gegen Abtreibungsgesetz in Polen

Mit Schildern wie "Hölle der Frauen" oder "Ich denke, ich fühle, ich entscheide" sind in Polen am Mittwoch Tausende Frauen auf die Straße gegangen. In dem Land gilt seit Mittwoch eines der schärfsten Abtreibungsgesetze in Europa. Abtreibungen sind nur noch nach einer Straftat oder bei Lebensgefahr für die Mutter erlaubt. Bereits die Entscheidung des polnischen Verfassungsgerichts hatte Ende 2020 für Massenproteste gesorgt, nun haben die Richter aber die Begründung für ihre Entscheidung veröffentlicht – und damit erneut Tausende Menschen auf die Straße getrieben. Wir zeigen die Proteste im Video.

Neues Abtreibungsgesetz in Polen verbietet Abtreibungen auch bei schweren Fehlbildungen

Bislang war ein Abbruch in Polen legal, wenn die Schwangerschaft das Leben oder die Gesundheit der Mutter gefährdet, Ergebnis einer Vergewaltigung ist oder wenn das Ungeborene schwere Fehlbildungen aufweist. Letzteres ist laut neuem Abtreibungsgesetz nun auch verboten. Viele Frauen werden nun also gezwungen, schwer behinderte oder womöglich kaum lebensfähige Kinder auszutragen.

Menschenrechtsorganisationen fürchten Zunahme selbst vorgenommener Abtreibungen

Von den 1.110 Abtreibungen, die 2019 in polnischen Kliniken vorgenommen wurden, wurden 1.074 mit Fehlbildungen des ungeborenen Kindes begründet. Doch das soll nun laut Verfassungsgericht nicht mehr möglich sein. Menschenrechtsorganisationen fürchten deshalb jetzt, dass die Zahl der unprofessionell vorgenommenen Abtreibungen in Polen steigen wird – einfach, weil die Frauen keinen anderen Ausweg mehr sehen. Auch die Zahl der Frauen, die bei illegal und stümperhaft durchgeführten Abtreibungen sterben, dürfte sich erhöhen.

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Der Kleiderbügel ist ein Symbol für selbst vorgenommene Abtreibungen.
Bei den Protesten hatten viele Frauen Kleiderbügel dabei - ein schreckliches Symbol für selbst vorgenommene Abtreibungen.
© AP, Agata Grzybowska, VG

"Ciocia Basia" organisiert Abtreibungen für Polinnen im Ausland

Die Berliner Organisation "Ciocia Basia", polnisch für "Tante Barbara", will genau das verhindern und organisiert deshalb bereits seit Jahren legale Abtreibungen im Ausland. Frauen aus Polen kommen häufig nach Deutschland, um einen solchen Eingriff vornehmen zu lassen – "Ciocia Basia" unterstützt sie dabei.

Der Organisation zufolge war es schon vor der Gesetzesänderung ein Problem, dass Ärzte in Polen Abtreibungen wegen schwerer Fehlbildungen abgelehnt hätten. "Die Ärzte sagen dann, die Frauen könnten das Baby doch erstmal zur Welt bringen und anschließend weitersehen", erzählte Urszula Bertin, Sprecherin der Organisation, im Gespräch mit dem "rbb".

Organisation unterstützt Frauen dabei, ein ungewolltes Kind auf legalem Weg abzutreiben

Ciocia Basia bietet Frauen in Not eine E-Mail-Adresse und Telefonnummer, an die sie sich wenden können. "Je nachdem, wie weit die Schwangerschaft fortgeschritten ist, werden die Betroffenen in Berlin behandelt oder in andere Länder vermittelt", sagte Urszula Bertin dem "rbb". "Wir helfen dann beim vorgeschriebenen Beratungsgespräch, wenn beispielsweise ein Dolmetscher benötigt wird. Wenn sie die notwendige Bescheinigung der Schwangerschaftsberatungsstelle haben, können wir einen Termin für den Abbruch vereinbaren", erklärt sie das Prozedere. In Einzelfällen zahlt die Organisation auch ein Hotel und Reisekosten und ist deshalb auf Spenden angewiesen. "Für den Abbruch sind zwei Tage nötig und dann fahren die Frauen, je nachdem wie sie sich fühlen, wieder nach Hause."

In Polen sind Abtreibungen laut eines neuen Gesetzes beinahe vollständig verboten.
In Polen sind Abtreibungen laut eines neuen Gesetzes fast vollständig verboten.
© imago images/Hans Lucas, Benjamin Furst via www.imago-images.de, www.imago-images.de

In Deutschland sind Abtreibungen nur bis zu 12. Woche straffrei - unter bestimmten Voraussetzungen

Teilweise werden die Frauen von der Organisation auch nach Holland, Großbritannien, Schweden oder in andere EU-Länder vermittelt, wo Abtreibungen auch nach der der 14. Schwangerschaftswoche erlaubt sind.

Denn auch in Deutschland sind Abtreibungen grundsätzlich rechtswidrig – bleiben allerdings straffrei, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt werden: Die Schwangere muss den Abbruch selbst wollen. Ein Schwangerschaftsabbruch ist dann zulässig, wenn sich die Frau innerhalb der ersten zwölf Wochen nach der Empfängnis befindet. Voraussetzung sind eine Konfliktberatung und eine nachfolgende dreitägige Bedenkzeit. Gut 96 Prozent der Abtreibungen werden aufgrund dieser Beratungsregelung durchgeführt. Besteht eine Gefahr für das Leben, die körperliche oder seelische Gesundheit der Mutter, ist in Deutschland auch ein späterer Abbruch der Schwangerschaft möglich.