Mehrere Erklärungen sind möglich

Höhere Corona-Infektionszahlen, aber weniger Kranke: Was steckt dahinter?

Mehr Menschen werden positiv auf das Coronavirus getestet. (Symbolbild)
© imago images/Future Image, Christoph Hardt via www.imago-images.de, www.imago-images.de

30. August 2020 - 10:37 Uhr

Mehr Menschen positiv getestet, aber wenige müssen behandelt werden

In Deutschland bekommen wieder mehr Menschen einen positiven Coronatest-Befund. Doch die Kliniken bekommen das - bisher zumindest - kaum zu spüren. Die Lage ist nach wie vor vergleichsweise entspannt: Es werden weiterhin nur wenige Corona-Infizierte behandelt, Tote gibt es kaum noch. Wie passt das mit der gestiegenen Zahl von nachgewiesenen Corona-Neuinfektionen zusammen? Dazu gibt es mehrere mögliche Erklärungen.

+++ Alle aktuellen Infos und Entwicklungen zum Coronavirus finden Sie im Live-Ticker auf RTL.de +++

Vergleichsweise deutlich weniger Patienten in Krankenhäusern

Nach den aktuellsten Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden in der Woche vom 17. bis 23. August rund 9.200 Menschen als Infizierte gemeldet - fast vier Mal so viele wie sechs Wochen zuvor. Von jenen Infizierten, zu denen es Angaben über ihren Behandlungsstatus gab (6.981), mussten 323 ins Krankenhaus. Vor sechs Wochen lag die Zahl nur wenig niedriger.

Rund 240 Patienten befinden sich derzeit laut DIVI-Intensivregister auf der Intensivstation, auch diese Zahl ist trotz steigender Infektionszahlen bislang ziemlich stabil. Mitte April lagen noch mehr als 2.000 Corona-Kranke auf der Intensivstation.

Jüngere Infizierte

Ein Grund dafür, dass momentan vergleichsweise wenig Infizierte schwere Krankheitsverläufe haben, könnte das Alter sein. Dem RKI-Bericht zufolge liegt das Durchschnittsalter der Menschen mit positivem Testergebnis derzeit bei etwa 32 Jahren. Mitte April lag es noch bei rund 50 Jahren. Das RKI weist zudem darauf hin, dass in den vergangenen Wochen vor allem der Anteil der 10- bis 30-Jährigen zugenommen hat.

Jüngere Menschen kämen nach wie vor besser mit der Infektion klar als Ältere, erklärt der Virologe Ulf Dittmer vom Uniklinikum Essen. Zudem hätten sie in der Regel keine schwerwiegenden Vorerkrankungen, die einen schweren Verlauf der Krankheit begünstigen

Bessere Behandlung

Auch die Behandlungsmöglichkeiten sind laut Dittmer besser geworden. So würden antivirale Medikamenten wie Remdesivir jetzt früher eingesetzt. Zudem sind in den vergangenen Monaten viele Studien erschienen, die sich mit dem richtigen Umgang mit schwer erkrankten Covid-19-Patienten beschäftigen.

Ist das Coronavirus harmloser geworden?

ARCHIV - 07.04.2020, Sachsen, Dresden: Eine Frau geht auf der Corona-Intensivstation im Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden hinter einer Glastür einen Gang entlang. (zu "Krankenhausgesellschaft sieht sich für zweite Corona-Welle gerüstet")
Aktuell müssen nur wenig Corona-Infizierte im Krankenhaus behandelt werden.
© dpa, Sebastian Kahnert, skh cul htf

Eine These zum geringen Anteil von Schwerkranken besagt, dass sich das Virus möglicherweise weiterentwickelt hat und nicht mehr so oft zu schweren Krankheitsverläufen führt. Dem erteilt Richard Neher von der Universität Basel allerdings eine Absage. Der Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien sagt, dass das Coronavirus nicht harmloser geworden ist.

Zwar habe es ähnlich wie andere Viren Mutationen durchgemacht, aber "es gab keine Mutation, die sich in ganz Europa durchgesetzt hätte", so Neher. "Das Virus hat sich also zwischen März und jetzt nicht entscheidend verändert."

Mehr Corona-Tests durchgeführt

Die Gesamtzahl der durchgeführten Corona-Tests steigt kontinuierlich. Seit Monaten werden die Kapazitäten ausgebaut. Zuletzt wurden dem RKI zufolge fast eine Million Menschen binnen einer Woche getestet. Zum Vergleich: Mitte April lag die Zahl noch deutlich unter 500.000. Der Anteil positiver Tests ist seit Anfang April von rund acht Prozent auf unter ein Prozent gesunken.

"Wir testen mehr und finden mehr asymptomatische Personen ganz ohne Krankheit", erklärt Dittmer vom Uniklinikum Essen. Auch das könne ein Grund für den Anstieg der Neuinfektionen bei gleichzeitig wenigen Menschen mit schweren Krankheitsverläufen sein. Zudem ist unklar, bei wie vielen Nicht-Infizierten ein Coronatest trotzdem anschlägt - also wie hoch die Rate falsch positiver Ergebnisse unter den Diagnosen derzeit ist.

Video-Playlist: Alles, was Sie zum Coronavirus wissen müssen

Gesundheitssysteme besser vorbereitet

Es sei nicht zu erwarten, dass das Gesundheitssystem in die Knie geht, sagt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Die Mediziner hätten in den vergangenen Monaten "enorm" dazugelernt und seien mittlerweile ausreichend mit Schutzmaterial ausgestattet. "Die Covid-19-Bereiche im Krankenhaus sind klar abgetrennt, die Mitarbeiter können mittlerweile routiniert in den einzelnen Bereichen mit Verdachtsfällen und Patienten umgehen."

Für den Fall der Fälle könnten die Krankenhäuser jederzeit den Schalter umlegen und den Corona-Betrieb aufnehmen. Auch wenn wir davon noch weit entfernt seien, habe Deutschland "absolut genügend" Intensivbetten für den Ernstfall. Momentan sind in Deutschland rund 9.000 frei.

Quelle: DPA/ RTL.de