Hitzige Diskussion

Darum ist der Mundschutz wichtig

Maske tragen - das ist mittlerweile fast überall die Anweisung. Ob der Mundschutz etwas bringt, wird nun wieder heftig diskutiert.
Maske tragen - das ist mittlerweile fast überall die Anweisung. Ob der Mundschutz etwas bringt, wird nun wieder heftig diskutiert.
© imago images/Müller-Stauffenberg, Müller-Stauffenberg via www.imago-images.de, www.imago-images.de

23. Oktober 2020 - 13:02 Uhr

Maske auf, Maske ab - was denn nun?

Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt ätzt bei "Lanz" gegen Alltagsmasken und entfacht erneut die Diskussion über deren Nutzen. Sie wird so schnell kein Ende nehmen, denn wissenschaftlichen Beweise zu erbringen, ist in diesem Fall alles andere als leicht.

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WHO sieht Masken als Schlüsselrolle

Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spielen Masken im Kampf gegen die Ausbreitung von Covid-19 eine "Schlüsselrolle". Sie retteten Leben, heißt es auf der entsprechenden Infoseite. Das RKI sprach sich in seiner Pressekonferenz am Donnerstag dafür aus, konsequent Masken in Bereichen zu tragen, in denen Menschen zusammenkommen, insbesondere in Innenräumen.

Virologe Christian Drosten sagte in seinem NDR-Podcast, Masken könnten für die Übertragung des Coronavirus verantwortlichen Aerosole zwar nicht komplett aufhalten, aber Menschen, die sie tragen, würden sich nicht so schnell infizieren. Doch nicht alle Wissenschaftler sind so vom Nutzen der Masken im Kampf gegen Covid-19 überzeugt. Zu ihnen gehört Bundesärztekammer-Chef Klaus Reinhardt.

Reinhardt: "Keine wissenschaftliche Evidenz"

Reinhardt wetterte bei "Lanz" gegen Alltagsmasken. "Im Nahverkehr und da, wo es eng wird", kann er die Masken noch akzeptieren. Er sei aber von deren Wirkung nicht überzeugt und es gäbe auch keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass sie hilfreich seien, sagte er. "Schon gar nicht im Selbstschutz und wahrscheinlich nur ganz wenig im Schutz anderer."

Der Bundesärztekammerpräsident steht in seiner Einschätzung nicht alleine da. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, kann Reinhardts Einschätzung zumindest in Teilen nachvollziehen, wie er auf Nachfrage von ntv erklärt. Er glaubt aber gleichzeitig auch an eine Fehlinterpretation seiner Aussagen:

"Ich habe mit Klaus Reinhardt früher lange darüber gesprochen. Ich glaube, er ist überinterpretiert und fehlinterpretiert worden. Natürlich helfen Masken alleine durch den mechanischen Schutz, ich glaube, das kann sich jeder ganz einfach vorstellen. Wir sind aber gemeinsam der Meinung, dass es eigentlich nicht Alltagsmasken sondern richtige medizinische Masken, sogenannte FFP2-Masken, für die ganze Bevölkerung bräuchte. Würden wir alle immer sechs Wochen lang, Tag und Nacht diese Masken tragen, dann wäre die Infektion in Deutschland ziemlich schnell komplett gebannt."

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Studien fehlen

Auch einer Wissenschaftler-Gruppe fehlen die Beweise für den Nutzen von Masken. Sie schreibt in einem Thesenpapier, "die Wirksamkeit der derzeit von der WHO empfohlenen und international üblichen Schutzmaßnahmen, eingeschlossen das Tragen von Masken", sei noch nicht in einer randomisierten Studie untersucht worden.

Dabei beziehen sie sich auf eine von der WHO in Auftrag gegebene kanadische Metaanalyse der WHO, die unter anderem zu dem Ergebnis kam, dass ein Mund-Nasen-Schutz das Infektionsrisiko um 85 Prozent senken kann. Allerdings habe sich nur eine einzige der 172 ausgewerteten Studien direkt auf Sars-CoV-2 bezogen, kritisieren die Wissenschaftler. Die weiteren Arbeiten seien zu den anderen Coronaviren Sars und Mers gemacht worden.

Schwierige Risikoeinschätzung

Für problematischer halten sie aber, dass bei der Einschätzung, wo Masken getragen werden sollen, das sogenannte Basis-Risiko nicht berücksichtigt wird. Dabei handelt es sich um das Infektionsrisiko, das man grundsätzlich in einer bestimmten Situation hat.

Auch die Autoren der Metaanalyse weisen auf die Problematik hin. Am Beispiel Norwegens schätzen sie, dass insgesamt 200.000 Menschen eine Maske tragen müssen, um pro Woche eine neue Infektion zu vermeiden. So könne eine 40-prozentige Reduktion des relativen Risikos erreicht werden. Anders sehe es beispielsweise bei Krankenhausangestellten aus. Hier könne das Risiko für eine Infektion für einen von zwei Berufstätigen im medizinischen Bereich wiederum um 40 Prozent gesenkt werden, wenn alle in diesem Umfeld eine Maske tragen.

Fordern ist leichter als liefern

Die deutschen Wissenschaftler fordern randomisierte Studien zur Wirksamkeit von Masken. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Denn das bedeutet, dass eine Hälfte von Versuchspersonen keine Masken tragen darf. Wie hoch das Risiko für sie ist, sich zu infizieren, weiß man nicht - das soll ja durch solche Studien erst bewiesen werden.

Was die Forderung nach wissenschaftlichen Beweisen betrifft, könnte man auch sagen, dass ein Beweis fehlt, bedeutet nicht, dass Masken nicht wirken. Und wie schnell man daneben liegen kann, wenn man bei Covid-19 die Zügel zu locker lässt, kann man auch am Thesenpapier der deutschen Wissenschaftler sehen, das auf den 30. August datiert ist. Darin schreiben sie, im November seien tägliche Meldezahlen bis zu über 3.000 "nicht verwunderlich" und Politiker sollten keine zweite Welle herbeireden. Aktuell zählt das RKI über 11.000 Neuinfektionen am Tag.

Wird eine kritische Studie boykottiert?

Trotzdem haben die Forscher recht, wenn sie bessere wissenschaftlichen Studien zur Wirksamkeit von Masken fordern. Tatsächlich wurde auch bereits eine randomisierte Studie in Dänemark durchgeführt, bei der von 6.000 Teilnehmern die Hälfte am Arbeitsplatz eine Maske trugen. Der Beschreibung nach soll allerdings herausgefunden werden, ob Masken die Träger vor Infektionen schützen. Offenbar geht es den Wissenschaftlern also weniger darum, die Wirkung von Masken gegen eine Ausbreitung des Virus zu erforschen.

Dem Wissenschaftsmagazin "Nature" zufolge, sagt einer der leitenden Wissenschaftler, Thomas Lars Benfield, sein Team sei noch nicht bereit, Resultate zu teilen. Auf Twitter kursiert eine E-Mail Benfields, in der er schreibt, Ergebnisse der Studie sehe man, wenn eine Fachzeitschrift mutig genug sei, sie zu veröffentlichen. Auch die dänische Tageszeitung "Berlingske" hat dies berichtet.

Das scheint verdächtig zu sein, liegt aber eher daran, dass viele Studien auf eine Publikation warten. Der leitende Wissenschaftler der dänischen Studie Henning Bundgaard sagte der Zeitung "B.T.", es sei auch sonst schon üblich, dass man Monate oder Jahre auf eine Veröffentlichung warte. Außerdem schicke man Studien nie gleichzeitig an mehrere Zeitschriften, sondern an eine nach der anderen. "Es ist ein schwerer und kostspieliger Prozess für die Zeitschriften, eine Studie zu bearbeiten", sagt er.

Neue Studie belegt Wirksamkeit

Eine kürzlich veröffentlichte kanadische Studie basiert zwar nicht auf randomisierten Ergebnissen, hat aber wohl trotzdem hohe Aussagekraft. Wissenschaftler der Simon Fraser University in Burnaby haben die unterschiedliche Entwicklung in kanadischen Provinzen nach Einführung einer landesweiten Maskenpflicht analysiert. Die Provinzen setzten diese nämlich unterschiedlich schnell um, einige brauchten dafür bis zu zwei Monate.

Ein Vergleich der unterschiedlichen Infektionszahlen ergab, dass die Masken in den ersten Wochen nach Einführung der Pflicht die wöchentlichen Fälle zwischen 25 und 46 Prozent reduziert haben. Die kanadische Studie bestätigt damit unter anderem Erkenntnisse, die Wissenschaftler am Beispiel von Jena gewonnen haben, das die Maskenpflicht deutlich früher eingeführt hatte als andere vergleichbare Städte.

Es gibt noch viel zu klären

Diskussionsbedarf besteht aber weiter, und zwar nicht nur, weil die genaue Schutzwirkung von Masken noch nicht wissenschaftlich festgestellt wurde. Es muss auch noch geklärt werden, welche Mund-Nasen-Bedeckungen effektiv schützen und wie sich Fehler bei der Handhabung auswirken.

Zumindest was die Effektivität von einigen Alltagsmasken betrifft, sind Zweifel mehr als angebracht. So empfiehlt die WHO nicht grundlos dreilagige Masken mit Filtergewebe. Vermutlich entsprechen die meisten Community-Masken nicht dieser Anforderung. Viel hängt auch vom eingesetzten Material ab. So filtern engmaschige Stoffe wesentlich besser als grobmaschige. Einer US-Studie zur Folge halten von den Alltagsmasken OP-Masken Partikel am besten ab, Halstücher haben kaum Wirkung.

Video-Playlist: Alles, was Sie zum Coronavirus wissen müssen

Quelle: ntv.de/Klaus Wedekind

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