Himmeroder Mönch: "Wir können aus der Krise lernen"

Pater Stephan Senge geht im Obstgarten des Klosters Himmerod. Foto: picture alliance / Harald Tittel/dpa/Archivbild
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12. April 2020 - 10:10 Uhr

Der in der Corona-Krise verordnete Rückzug ins Private kann nach Ansicht des Himmeroder Mönches Stephan Senge (86) durchaus lehrreich sein. "Wir können lernen, diese vielen Termine, unser totales Eingespanntsein und dieses "Ich habe keine Zeit" zu überdenken", sagte der Pater, der als letzter verbliebener Zisterzienser-Mönch im Kloster Himmerod in der Südeifel lebt. Und sich zu fragen, was einem selbst wirklich wichtig sei: Über Dinge nachzudenken, "die ein bisschen weiter weg liegen wie Gott oder Mitmenschen betreffen", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Die Krise könne auch eine Chance für die Kirche sein. "Es gibt ja doch vieles, was im Raum Kirche mit Fragezeichen versehen ist", sagte der Mönch. Es sei wichtig, sich neu zu fragen: "Wie hat Jesus gelebt, was hat er getan und um was ging es ihm wirklich?" Vielleicht sei das nicht das, was im Laufe der Jahrhunderte daraus gemacht worden sei. "Kirche im Sinne von "Es war schon immer so" gibt es nicht."

Bruder Stephan ist nach dem Rückzug des Zisterzienser-Ordens im Herbst 2017 als letzter Mönch in Himmerod geblieben. Er lebt seit mehr als 60 Jahren in dem Kloster und gilt als "das Gesicht von Himmerod". Das Kloster in Großlittgen ist nach wie vor eine beliebte Anlaufstelle: Es gibt ein Gästehaus für Schulklassen, Jugendgruppen und Einzelne - mit etlichen Angeboten. Dann die Kirche, die Kapelle, den Klosterladen.

In der aktuellen Corona-Pandemie kann aber niemand kommen, viele mussten ihre Besuche absagen. "Wir haben Hunderte von Briefen und Anrufe bekommen von Menschen, die schreiben, sie wären so gerne gekommen", berichtete der Mönch. Auch um Ostern hätten sich viele Gäste zu Tagen der Besinnung auch aus Luxemburg, den Niederlanden und Belgien angemeldet. "Auch wir bedauern das sehr."

Derzeit telefoniert Bruder Stephan viel. Die Menschen riefen ihn an, auch wegen der Einsamkeit. "Das ist für viele ein Riesenproblem." Wie zum Beispiel ältere Menschen in Pflegeheimen, die keinen Besuch bekommen dürfen. "Ich spreche mit ihnen, egal zu welcher Uhrzeit", sagte er.

Er selbst sei nicht einsam. "Es ist meine Art, ein bisschen zurückgezogen zu leben. Nicht mitten im Betrieb zu sein, aber trotzdem aktiv zu sein auf verschiedenste Weise." Zudem lebe er ja "in einer kleinen Hausgemeinschaft". Und er schreibe gerade an einem neuen Buch und betreibe weiter seine Entwicklungshilfe im Südsudan.

Er fürchte sich nicht, dass er an dem Coronavirus erkranken könne. "So viel Angst um das bisschen Leben habe ich eigentlich nicht." Er sei aber natürlich vorsichtig, halte Distanz. Dass sei aber am Kloster auch nicht schwierig. "Wir haben den Vorteil, dass wir hier auf ländlichem Gebiet wohnen." Nach wie vor treibe er Sport in der "herrlichen Natur": "Ich gehe jeden Tag raus."

Das Kloster war 1134 vom Zisterzienser-Mönch Bernhard von Clairvaux gegründet worden. Der Konvent war 2017 wegen Personalmangels und angespannter Finanzen aufgelöst werden - das Kloster ging in den Besitz des Bistums Trier über. Eine Nachfolge-Gemeinschaft für das Kloster sei noch nicht in Sicht, sagte der Priester.

Quelle: DPA