9. Januar 2019 - 13:55 Uhr

Von Heike Boese

Als junges Mädchen träumte Franziska Giffey davon, Lehrerin zu werden, bis ihr eine Kehlkopfmuskelschwäche einen Strich durch die Rechnung machte. Stattdessen studierte sie Verwaltungsrecht! Und machte sogar ihren Doktor. Klug ist sie also, Kollegen nennen sie zäh und kämpferisch, das klingt netter als anstrengend. Aber trotzdem: Wie wird aus einer Verwaltungswirtin mit dünner Stimme, die sich jeden Morgen mit zwei raschen Handgriffen ihre Haare zu einer altbackenen Frisur hochzwirbelt, DIE Geheimwaffe der in Selbstfindungsqualen und Umfragen taumelnden SPD?

Franziska Giffey will, dass man sie versteht

Die Antwort ist ebenso einfach wie entwaffnend: Giffey ist echt! Authentisch. Sie verstellt sich nicht. Die 40-jährige Mutter eines Sohnes spricht wie die Menschen, deren Interessen sie vertritt. Als die Große Koalition das "Kitaqualitätsentwicklungsfinanzierungsgesetz" auf den Weg bringen will, streicht sie als zuständige Familienministerin diesen sperrigen Begriff kurzerhand und nennt das Vorhaben "Gute-Kita-Gesetz". Das klingt schlicht, vielleicht ein bisschen naiv, aber jeder weiß sofort, was gemeint ist.

Franziska Giffey will, dass man sie versteht. Vielleicht legt jemand, der seine Argumente nicht mit sonorer lauter Stimme vortragen kann, besonders viel Wert auf Verständlichkeit. Vielleicht liegt ihre Fähigkeit, auf Augenhöhe mit den Menschen zu kommunizieren, auch ganz einfach an ihrer kleinbürgerlichen Herkunft. Geboren in Frankfurt an der Oder, der Vater KFZ-Mechaniker, die Mutter Buchhalterin. Hier spricht man Klartext.

Franziska Giffey könnte mehr

Interview mit Franziska Giffey
Schon morgens um sieben gibt Franziska Giffey ein RTL-Interview. Danach will sie noch nicht mal einen Kaffee. (Foto: RTL)

Ihre klare Sprache hat ihr auch geholfen, als sie 2015 Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln wurde – ein Stadtteil, der Soziologen als Synonym für den Begriff Problemkiez gilt. Giffey legt sich mit arabischen Clans an und schickt Lehrerinnen mit Kopftuch nach Hause. Ihr Motto damals: "Mit ausgestreckter Hand und klaren Regeln". Das kommt an. In Berlin-Neukölln, aber auch in ihrer Partei, der SPD, die es bei den Deutschen gerade schwer hat.

Noch sagt es niemand offen, aber Franziska Giffey könnte mehr – oder sagen wir, anderes - als den Job der Bundesfamilienministerin. So könnte sie den blassen und überfordert wirkenden Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, ablösen – und dann als Erstes den Verantwortlichen des Katastrophenflughafens BER den Marsch blasen. Oder sie könnte ihrer glücklosen Parteivorsitzenden Andrea Nahles folgen, die irgendwie auch ein Mädchen aus dem einfachen Volk ist, aber eben nicht die Sprache der sogenannten kleinen Leute spricht.

"Wir wollen aktiv gegen Kinderarmut vorgehen"

Nach dem Gute-Kita-Gesetz kümmert sich Giffey jetzt erstmal um "Starke Familien". Dafür steht sie auch ein bisschen früher auf als sonst und gibt schon morgens um sieben Live-Interviews im Fernsehen. Gegenüber RTL.de bekräftigt die Bundesfamilienministerin dann noch einmal: "Wir wollen Familien mit geringen Einkommen, die Kinder haben, spürbar stärken. Wir wollen aktiv gegen Kinderarmut vorgehen."

Konkret heißt das: Schulessen und Monatsfahrkarte kostenlos, mehr Geld für das Schulstarterpaket und Nachhilfe nicht erst, wenn das Kind versetzungsgefährdet ist. Eine Milliarden Euro macht der Bund bis 2021 dafür locker. Die Kritik, das neue Gesetz käme zu spät und sei viel zu bürokratisch, bringt sie auch morgens um sieben schon auf die Palme: "Die Leistung soll so einfach wie möglich zugänglich sein." Das heißt, dass die Antragsformulare vereinfacht werden, auch ein digitaler Antrag soll bald möglich sein. "Und wenn mehr Menschen Anspruch auf die neuen Leistungen haben, werden wir auch mehr Geld zur Verfügung stellen."

Sie will noch nicht mal einen Kaffee

Nach dem Interview ist es zwanzig nach sieben. Immer noch ziemlich früh. Trotzdem will Franziska Giffey nicht mal einen Kaffee trinken, sondern schnell nach Hause. Sie will noch vor der Kabinettssitzung ihren Sohn zur Schule bringen. Danach fährt sie ins Kanzleramt und bringt ihr "Starke-Familien-Gesetz" auf den Weg. Wieder so ein Begriff, den Politprofis belächeln werden. Aber die werden sich noch wundern – über die Frau aus Frankfurt/Oder.