Tragischer Badeunfall in Rotenburg

Held vom Bullensee: Micha (15) rettet Mann das Leben - während Gaffer filmen

30. Juni 2020 - 19:59 Uhr

Für eine junge Frau kam jede Hilfe zu spät

Familie Ortlieb glaubt nicht an Zufälle. Nelli und Sergei sind davon überzeugt: Es sollte so sein, dass sie am Bullensee in Rotenburg waren, ausgerechnet an dem Tag, als dort ein junger Mann und seine Freundin in Not gerieten. Sohn Micha (15) beobachtete die Szene im Wasser, er vermutete einen Krampf und spurtete sofort los. Er zog den Mann an den Strand, rettete ihm so das Leben. Die junge Frau aber ging unter und ertrank, während am Ufer Menschen gafften und filmten. Was der Retter und die Polizei sagen – im Video.

„Ich hab’ noch nach ihr getaucht"

Was am 17. Juni geschehen ist, verfolgt den Achtklässler aus Verden noch immer. Nachts könne er schlecht schlafen, sagt er. Micha hat die Eindrücke noch lange nicht verarbeitet. Er war mit seiner Mutter und den Geschwistern spontan an den See gefahren, habe mit seinem Bruder hinter der Absperrung getaucht, als ihm der junge Mann und eine Frau auffielen, die zögerlich ins Wasser liefen. Kurze Zeit später bemerkte Micha, das etwas nicht stimmte. Der Mann ruderte mit den Armen. Micha handelte sofort. "Hätte ich noch ein paar Sekunden überlegt, wäre es vielleicht auch zu Ende gewesen mit dem Mann."

Das Wasser im Bullensee ist eiskalt und trüb, eine "Brühe" so Micha. Bis zum Boden reicht der Blick nicht. Und so konnte der Junge die Frau nicht mehr finden, die sich an den Mann geklammert hatte und dann untergegangen war. "Ich hab' noch nach ihr getaucht, hab versucht, sie zu bekommen, aber da sieht man nichts. Das ist zwecklos."

Gaffer filmten, als Micha den Mann an Land schleppte

Micha packte den Mann und zog ihn an Land, rief lautstark um Hilfe. Einige Menschen eilten zu ihm, doch während der völlig entkräftete Teenager den schweren Körper ans Ufer schleppte, hielten einige auch mit den Handykameras drauf, anstatt mit anzupacken. Micha hat ein Video auf Instagram gesehen, das dort nach dem Vorfall gepostet wurde. Er erinnert sich noch, dass der Gaffer erst aufhörte zu filmen, als der Mann am rettenden Ufer lag, Micha nicht mehr konnte. "Dann war bei mir auch Schicht im Schacht, da bin ich zusammengebrochen."

Eineinhalb Stunden war Micha wie weggetreten, jegliches Zeitgefühl sei ihm verloren gegangen. Als er sich wieder gesammelt hatte, galt sein erster Gedanke der Frau, die noch immer nicht geborgen werden konnte. Lebt sie noch? Einige Menschen waren ins Wasser gespurtet, um mit Michas Taucherbrille nach der Frau zu tauchen. Über 40 Feuerwehrmänner, sowie Taucher der DLRG waren im Einsatz. Vergebens. Anastasie N. wurde nur 25 Jahre alt. Ein Taucher hatte ihre Leiche nach vier Stunden Suche aus dem See geborgen.

Micha würde "gerne einmal mit dem Mann reden", den er aus dem See gerettet hat. Bislang hat sich der 28-Jährige noch nicht bei ihm gemeldet, die Telefonnummer der Familie hat er aber.