"Die Dunkelziffer der Corona-Infizierten könnte bei 1,8 Millionen liegen"

Bonner Virologen veröffentlichen Heinsberg-Studie

Der Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen gilt als Brennpunkt für das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2.
© dpa, Roberto Pfeil, rp fdt

05. Mai 2020 - 9:36 Uhr

Zahl der Corona-Infizierten höher als bisher angenommen

Nach einer Karnevalssitzung in Heinsberg kam es dort zu einer frühen und massenhaften Ausbreitung des Corona-Virus. Im Rahmen der sogenannten Heinsberg-Studie hatte ein Forschungsteam um Prof. Dr. Hendrik Streeck und Prof. Dr. Gunther Hartmann von der Universität Bonn in der Ortschaft Gangelt 1007 Einwohner befragt und getestet. Dabei nahmen die Wissenschaftler Rachenabstriche und Blutproben. Mit diesen Daten kann nun zum ersten Mal sehr gut geschätzt werden, wie viele Menschen nach einem Ausbruchsereignis infiziert werden können. Und dabei kam heraus: Die Dunkelziffer in Gangelt ist laut Studienergebnis rund fünffach höher als die offiziell berichtete Zahl der positiv getesteten Personen.

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Fast 2 Millionen Menschen in Deutschland könnten mit Corona infiziert sein

Im Zentrum der Studie steht die Sterblichkeitsrate der Infektion (kurz IFR), die den Anteil der Todesfälle unter den Infizierten angibt. 15 Prozent der Menschen in Gangelt haben sich laut Studie mit dem Corona-Virus infiziert. "Mit der Gesamtzahl aller Infizierter kann die Infektionssterblichkeit (IFR) bestimmt werden. Sie liegt für SARS-CoV-2 für den Ausbruch in der Gemeinde Gangelt bei 0,37 Prozent", sagt Studienleiter Prof. Dr. Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn.

Mit der IFR lässt sich anhand der Zahl der Verstorbenen auch für andere Orte abschätzen, wie viele Menschen dort insgesamt infiziert sind. Der Abgleich dieser Zahl mit der Zahl der offiziell gemeldeten Infizierten führt zur sogenannten Dunkelziffer. "Legt man für eine Hochrechnung etwa die Zahl von fast 6.700 SARS-CoV-2-assoziierten Todesfällen in Deutschland zugrunde, so ergäbe sich eine geschätzte Gesamtzahl von rund 1,8 Millionen Infizierten", sagt Co-Autor Prof. Dr. Gunther Hartmann, Leiter des Instituts für Klinische Chemie und Klinische Pharmakologie am Universitätsklinikum Bonn.

22 Prozent der Corona-Infizierten zeigen in Studie keine Symptome

Der für Corona-Infektion auffälligste Symptomkomplex ist der Geruchs-und Geschmacksverlust. Weiterhin zeigten in Gangelt insgesamt 22 Prozent von allen Infizierten allerdings gar keine Symptome. "Dass offenbar jede fünfte Infektion ohne wahrnehmbare Krankheitssymptome verläuft, legt nahe, dass man Infizierte, die das Virus ausscheiden und damit andere anstecken können, nicht sicher auf der Basis erkennbarer Krankheitserscheinungen identifizieren kann", meint Prof. Martin Exner, Leiter des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit und Co-Autor der Studie.

Dies bestätige die Wichtigkeit der allgemeinen Abstands- und Hygieneregeln in der Corona-Pandemie. "Jeder vermeintlich Gesunde, der uns begegnet, kann unwissentlich das Virus tragen. Das müssen wir uns bewusst machen und uns auch so verhalten", sagt der Hygiene-Experte.

Kein Unterschied zwischen Männern und Frauen

Neben den Symptomen zeigt die Studie auch, dass es bei einer Ansteckung keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen gäbe. Ebenso sei das Alter egal. "Die Infektionsraten sind bei Kindern, Erwachsenen und Älteren sehr ähnlich und hängen offenbar nicht vom Alter ab", sagt Prof. Streeck.

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