30. Oktober 2018 - 16:07 Uhr

Nachwuchsproblem unter Hebammen

Hebammen sollen ab 2020 studieren – mit diesem Vorschlag will Gesundheitsminister Jens Spahn den Hebammenmangel lösen. Doch kann das das Nachwuchsproblem lösen? Denn die Probleme von Hebammen sind vielfältig: teure Versicherungen, geschlossene Kreißsäle und Überforderung im Alltag. Im exklusiven Interview erzählt uns Hebamme Hannah Marder, wo es in ihrem Beruf überall brennt.

Von Lauren Ramoser

Immer mehr Geburten in Deutschland - und immer weniger Hebammen

Die gute Nachricht zuerst: Die Geburtenrate steigt laut Statistischem Bundesamt seit 2012 mit jedem Jahr deutlich an. 2017 sind 784.901 Babys in Deutschland geboren. Hebammen haben also alle Hände voll zu tun. Die schlechte Nachricht: Immer weniger Menschen entscheiden sich für den Beruf der Hebamme.

Eine schwangere Frau hat per Grundgesetz das Recht, sich frei auszusuchen, ob sie im Krankenhaus, zu Hause oder im Geburtenhaus entbinden möchte – zumindest in der Theorie. Praktisch sieht das ganz anders aus, denn Krankenhäuser und Hebammen sind so überlastet, dass viele Schwangere über Monate nach einer Entbindungsstation oder Hebamme suchen müssen.

Hannah Marder ist Hebamme und kämpft gegen ihre schlechten Arbeitsbedingungen. Sie arbeitet Vollzeit in einer Klinik, hat bis vor ein paar Monaten in ihrer Freizeit zusätzlich freiberuflich Schwangere betreut. "Ich habe im Monat teilweise 120 Anfragen bekommen, aber selbst in Vollzeit hätte ich maximal 15 Frauen betreuen können", erzählt die 25-Jährige.

Hebammen leiden unter ihren Arbeitsbedingungen

Hebammen haben zwei Optionen: Sie können als freiberufliche Geburtshelferin oder als fest angestellte Hebamme in einer Klinik arbeiten. Doch durch extrem stark gestiegene Versicherungskosten wird vielen Hebammen diese Wahl genommen.

2018 liegt der Beitrag für die Berufshaftpflichtversicherung bei 8.170 Euro pro Jahr, das sind allein 531 Euro mehr als im Vorjahr. Zum Vergleich: 2007 mussten freiberufliche Hebammen nur 1.587 Euro bezahlen. Die freiberufliche Geburtenhilfe können sich viele Hebammen also schlicht nicht mehr leisten.

Ein weiterer Grund, warum immer weniger Menschen Hebamme werden ist wohl grundsätzlich die schlechte Bezahlung für einen anspruchsvollen Beruf voller Verantwortung mit unregelmäßigen Arbeitszeiten. Dadurch wird die Versorgung der steigenden Zahl von Schwangeren immer schwieriger.

Von der Ausbildung zum dualen Studium

Hebammen durchlaufen eine dreijährige Ausbildung. Im europäischen Vergleich ist Deutschland damit Schlusslicht: Nur hier gehen Hebammen nicht an eine Hochschule, um den theoretischen Teil ihres Berufs zu lernen. Ein neuer Vorschlag von Gesundheitsminister Spahn soll das ab 2020 ändern und für mehr Nachwuchs-Hebammen sorgen. Durch das Studium würden Hebammen einen Bachelor-Abschluss bekommen - und damit auch die Chance auf eine bessere Bezahlung.

Und das Nachwuchsproblem ist groß: "Wir arbeiten in der Klinik mit zwei Hebammen pro Schicht. Für eine dritte läuft eine Stellenbesetzung, aber es gibt einfach zu wenige Hebammen", sagt Hannah Marder.

Reisewarnung für Schwangere

Schwangere sollten sich vor einer Reise ansehen, ob es einen Kreißsaal in der Nähe gibt.
Die Elterninitiative Mother Hood e.V. warnt Schwangere vor einer Reise in manche Gebiete in Deutschland.
© Mother Hood e.V.

Seit 2015 wurden 72 Kreißsäle geschlossen, acht weitere sind von der Schließung bedroht. Der Deutsche Hebammenverband fasst diese Daten in einer Deutschlandkarte zusammen. Sie zeigt in welchen Regionen keine sichere Geburt garantiert werden kann, weil es einfach keine oder nur überfüllte Kreißsäle gibt.

Im Video erzählt Hannah Marder aus ihrem schwierigen Alltag als Hebamme und wie sie versucht, den Spagat zwischen finanzieller Absicherung und Verzweiflung der werdenden Mütter zu bewältigen.