Brexit-Talk bei Anne Will

„Hat Theresa May einen Dachschaden?“

Hochemotionales Thema: Anne Will diskutiert mit Experten über den Brexit.
Anne Will sprach in ihrer Talkrunde mit Experten über das Thema Brexit.
NDR/Wolfgang Borrs, ARD

Was ist da eigentlich los?

Wer mittlerweile beim Thema Brexit nicht mehr mitkommt, dem kann wohl niemand einen Vorwurf machen. Eigentlich wollten die Briten schon Ende März aus der EU ausgetreten sein, dann kam die Verlängerung bis zum 12. April. Und jetzt will Premierministerin Theresa May noch einmal bis Ende Juni aufschieben. Was ist da los? Die Runde bei Anne Will wollte am Sonntagabend Licht ins Dunkel bringen.

Gäste aus Großbritannien geben Einblicke

Dazu waren zwei Gäste aus dem britischen Unterhaus besonders geeignet: Greg Hands von Mays konservativer Tory-Partei und Philippa Whitford von der Schottischen Nationalpartei. Hands ist für den Brexit, Whitford dagegen. Da beide sehr gut Deutsch sprechen, konnten sie munter mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, Ex-EU-Kommissar Günter Verheugen und ARD-Korrespondentin Annette Dittert diskutieren.

"Es braucht zwei für einen Tango"

Selten passte die hochgezogene Augenbraue der Moderatorin so gut wie zu ihren Eingangsfragen. Will fragte von der Leyen, ob Theresa May alle auf den Arm nehmen wolle, Dittert sollte sagen, ob die Regierungschefin einen Dachschaden habe. Die Frage, ob May wisse, was sie tue, musste der Brite Greg Hands beantworten. Er konterte galant mit dem britischen Sprichwort: „Es braucht zwei für einen Tango“. Die Verantwortung schob er gleich auf die EU ab, die sich seiner Meinung nach auch mal wieder bewegen könnte.

Er meinte, es gebe eine Mehrheit für das von May ausgehandelte Abkommen - wenn nur der Backstop gestrichen würde. Der Backstop, das ist die vielleicht härteste Nuss beim Brexit. Der sieht vor, Nordirland und Großbritannien eng an die EU zu binden - dann nämlich, wenn Brüssel und London keine Lösung für das Grenzproblem auf der irischen Insel finden.

„Seit Jahren erstmals wieder Angst“

In Nordirland haben sich jahrzehntelang Katholiken und Protestanten bekriegt. Es ging dabei im Kern um die Frage, ob Nordirland zu Irland oder zu Großbritannien (so wie jetzt) gehören sollte. Dank offener Grenzen in der EU beruhigte sich die Lage. Flammt sie wieder auf, wenn die Grenzen dicht gemacht werden? Das befürchten viele. Auch die in Nordirland geborene Philippa Whitford bestätigt das. „Meine Verwandten dort haben erstmals seit Jahren wieder Angst“, sagt sie.

Eigentlich fragen sich gerade ja viele, was eigentlich mit den Briten los ist. Doch Günter Verheugen drehte den Spieß um. Er kritisierte die EU für ihr Krisenmanagement - ein Lehrstück, wie man es nicht machen sollte, sei das gewesen, meinte er. Viel zu hart sei Brüssel gewesen. Großbritannien sei viel zu wichtig, um es so zu behandeln. Die Mitgliedschaft in der EU sei freiwillig und wenn ein Land austreten wolle, müsse man das respektieren. Und keine Rachegefühle hegen.

Freitag ist Tag der Entscheidung

Dass die Briten aber vielleicht noch einmal an der Europawahl teilnehmen, ist für ihn schwer zu verdauen. Auch Greg Hands findet das „lächerlich“, wie er sagte. Er befürchtet, dass die Briten dann in Scharen EU-Gegner ins EU-Parlament schicken. Von der Leyen und Dittert sehen das anderes. Die Ministerin hofft darauf, dass dann die EU-Freunde die Wahl gewinnen. Die Korrespondentin sagte, sie habe noch nie so viel Europa-Aktivismus wie zurzeit in Großbritannien beobachtet - auf der Straße, nicht im Parlament. Ein zweites Referendum fände die Schottin Whitford noch besser. Doch ob es dazu kommt, ist noch offen.

Und nun? Das weiß wohl niemand so genau. Am Mittwoch fällt auf einem EU-Gipfel die Entscheidung über einen weiteren Brexit-Aufschub. Gibt es den nicht, tritt Großbritannien am kommenden Freitag aus der EU aus. Wenn nichts dazwischen kommt...