“Hart aber fair“ zu Corona

Der Schutz des Lebens steht über allem. Doch wo steht der Mensch?

Moderator: Frank Plasberg. sprach mit seinen Gästen über das Coronavirus und seine Folgen.
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28. April 2020 - 11:57 Uhr

Wie zufrieden sind Sie zurzeit?

Hat man in den vergangenen Wochen überwiegend den Politikern und Virologen Gehör geschenkt will man bei "Hart aber fair" an diesem Montag Stimmen aus dem Volk hören. Wie zufrieden sind sie zurzeit? Wie wirkt sich Corona auf ihren Alltag aus? Und wie läuft das eigentlich grad im Job bei der Ärztin, der Kassiererinnen, dem Polizisten oder dem Musiker?

Beleuchtung der Grundstimmung in Deutschland

Was treibt sie an, die Menschen, die jeden Tag zur Arbeit gehen und das gesellschaftliche Uhrwerk in Betrieb halten. Wie gehen Berufstätige in Kurzarbeit mit der neugewonnenen Zeit um? Es sind viele Fragen zum Thema Corona, die Frank Plasberg auch an diesem Montag an seine Gäste im Studio richtet. doch einer großen Frage sind sie alle untergeordnet: Wie geht es? Eine gesellschaftliche Grundstimmung spiegeln die Gäste im Corona-Talk ganz persönlich, möglichst authentisch und frei von Diskussion wider.

Die Gäste und ihre wichtigsten Aussagen

  • Sänger und Gitarrist der Kölner Band "BAP", Wolfgang Niedecken blickt zur Kassiererin in der Runde: "Wenn die Frau nicht an der Kasse sitzen würde, würde ein winziges Teil wegbrechen, dass sehr wichtig ist (…) man spürt förmlich, dass man ein Rädchen im Betrieb ist. (…) Ob das der Busfahrer ist, die Leute in der Apotheke, die Krankenpfleger und Altenpfleger, die ich seit meinem Zivildienst bewundere." Diese Demut bringt er auch in einem Song an alle "Corona-Engel" zum Ausdruck und hofft, dass über den Dank der Gesellschaft hinaus, diese Berufe zukünftig finanziell wertschätzend entlohnt werden. Er selber genießt die Idylle mit der Familie und hat Zeit für seine Liebsten. Seine Musik und Freunde vermisst er dennoch sehr.
  • Jolanta Schlippes, Kassiererin in einem Supermarkt, denkt nicht bewusst über das Ansteckungsrisiko an ihrem Arbeitsplatz nach. Sie kann ihre Kunden seit der Maskenpflicht in Nordrhein-Westfalens Supermärkten, nur schlecht erkennen: "Alle haben Masken, alle sind starr". Sie fühlt sich dabei sehr unwohl und beschreibt den ersten tag mit Maskenpflicht folgendermaßen: "Das war eine komische Situation wie in einem Science-Fiction Film". Doch auch wenn ihr ein Alltag ohne Masken lieber ist, steht sie ihren Kunden zur Seite, berät wie die Maske zu tragen ist und versucht mit guter Laune über die Bürden des Corona-Alltags hinweg zu trösten. Dass sie auch zu ihrem Sohn Abstand halten muss, wie zu ihren Kunden im Supermarkt, belastet dennoch, aller guten Laune zum Trotz.
  • Soziologe, Professor am Institut für Soziologie der Philipps-Universität Marburg, Martin Schröder zur Frage ob das Leben über allem stehe: "Es ist relativ neu, das Gesellschaften sagen, wir sehen das Leben so hoch an. Das war ja nicht immer so. (…) Diese absolute Sorge davor, dass Menschen sterben könnten, die ist überhaupt nicht normal. (…) Da leben wir jetzt in einer völlig veränderten Kultur, die überhaupt nicht Normalität ist, sondern die was ist, was nur sehr reiche sehr hoch entwickelte Gesellschaften machen können." Er befürwortet diese gesellschaftliche Veränderung, betont jedoch stark, dass es sich nicht um historische Normalität handelt und spricht bei der ungefähren Zahl von 6000 Corona-Toten in Deutschland von einer geringen Zahl, die man hätte verhindern können, wenn die Lockdown-Maßnahmen in Deutschland noch schärfer gewesen wären.
  • Professorin für Infektionskrankheiten der Lunge am Universitätsklinikum Gießen und Leiterin der Abteilung Infektiologie, Dr. Susanne Herold ist zum wiederholten Mal zu Gast in der Sendung, diesmal um von ihrem persönlichen Alltag zu berichten. Doch sie möchte auf ein anderes Thema aufmerksam machen: "Die Einweisungen an Herzinfarkten in Kliniken ist um fünfzig Prozent zurückgegangen, weil Menschen Angst haben in Kliniken zu gehen. Das ist ein Kollateralschaden." Die Ärztin pflegt derzeit eine Woche mit sieben Arbeitstagen. Sie arbeitet hart, von früh bis spät, damit alle Patienten versorgt werden - nicht nur die Corona-Erkrankten. Ihr ist wichtig, dass niemand den Weg zum Arzt fürchtet.
  • Polizeioberkommissar, Mitglied der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Berlin, Martin Feldmann muss mit Maske und Handschuhen zum Schutz und dem Mindestabstand von 1,5 Metern zum Trotz, verdächtige Menschen durchsuchen und gegebenenfalls festnehmen. Er fürchtet eine mögliche Ansteckung mit COVID19:  "Ich überleg mir natürlich in welchen Gebieten ich tätig bin und mit was ich es da zutun habe. Die Gefahr dann einzugehen, dieses Virus zu meiner vierjährigen Tochter ins Haus zu tragen, da entscheide ich mich doch lieber für das Mittel der Videographie oder Videochat". Mehrere Wochen hat er seine Tochter aus Vorsicht nicht gesehen. "Was dann aber zum Schluss eben schmerzt und fehlt ist, den kleinen Spatz mal in den Arm zu nehmen".
  • Mitbetreiber von zwei Kneipen in Köln, Helmut Köhnlein ist verunsichert. Seit Mitte März sind die beiden Lokale in Köln per Anordnung geschlossen. Zwei Drittel vom Einkommen fehlen dem Familienvater mit drei Kindern. Die finanzielle Sorge wächst mit jedem Tag des Lockdown. Der studierte Volkswirt füllt nun Anträge auf Grundsicherung aus, statt Gäste zu bewirten. "Ich wusste gar nicht, dass das möglich ist. Ich bin ja nicht arbeitslos gemeldet als Selbstständiger aber faktisch arbeitslos. Glücklicherweise wurde das jetzt gesetzlich geändert". Eine Spendenaktion seiner Gäste half über die finanzielle Not für eine kurze Dauer hinweg. Eine Solidaritätsbekundung, die zeigt wie wichtig der Ort für viele Kölner ist. Das macht Mut.

Das Fazit

Die Schilderungen der Gäste beschreiben das echte Leben doch es fehlt der Sendung an rotem Faden. Wünscht sich der Zuschauer, welcher regelmäßig bei "Hart aber fair" reinschaut vielleicht ab und an etwas weniger hitzige Diskussionen, hätte der jüngsten Sendung ein kleiner Schlagabtausch unter den Gästen ganz gut getan. Trotz ein oder anderer Aussagen, bei denen Diskussionspotential in der Luft schwebt, scheinen die Gäste in ihren jeweiligen Blasen zu hängen. Sie kommen nur schwerlich in einen Diskurs.

Kurz vor Ende wirft der Gastgeber dann doch noch ein politisches Thema ein, um scheinbar auf den letzten Metern eine Diskussion zu entfachen. Doch auch damit will der Funke nicht recht auf die Gäste im Studio überspringen. Ob der Schutz des Lebens über allem steht, will er erörtern und spielt auf die jüngsten Denkanstöße von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble an. Der einzige, der hierzu eine direkte Meinung äußert