So können Sie die Blogs erkennen und sich schützen

Harmlose Mami-Blogs? Rechtsextreme sprechen gezielt Mütter an

Rechtsextreme sprechen derzeit offenbar gezielt Frauen an, um sie für ihre Ideen zu gewinnen. Sie nutzen dabei gezielt Themen wie Kindererziehung und Kindeswohl und präsentieren sich auf harmlos aussehenden Mami-Blogs.
© imago/Westend61, Ivan Gener Garcia, imago stock&people

30. Oktober 2020 - 9:38 Uhr

Rechte nutzen Themen wie Kindererziehung und Kindeswohl

Rechtsextreme sprechen derzeit offenbar gezielt Frauen an, um sie für ihre Ideen zu gewinnen. Sie nutzen dabei Themen wie Kindererziehung und Kindeswohl und präsentieren sich auf harmlos aussehenden Mami-Blogs. Die Corona-Krise wirkt wie ein Brandbeschleuniger.

Wir haben dazu mit Judith Rahner gesprochen. Sie ist bei der Amadeu Antonio Stiftung für Rechtsextremismusprävention zuständig und leitet die Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus.

Das Interview führte Esther Kusch

"In Zeiten von Krisen haben Verschwörungserzählungen Hochkonjunktur"

Sie forschen zum Thema Frauen und Rechtsradikalismus – was beobachten Sie derzeit?

Seltsamerweise wird immer noch die Frage gestellt, ob Frauen überhaupt rechtsradikal sein können. In unserer Gesellschaft wird die Rolle von Frauen im Rechtsextremismus nach wie vor unterschätzt. Oft genug wird einfach übersehen, verharmlost und relativiert, wenn Mädchen oder Frauen mit rassistischen oder judenfeindlichen Sprüchen auffallen. Frauen erscheinen per se als friedfertiger, gewaltloser oder unpolitischer. Das weiß die rechtsextreme Szene zu nutzen. Derzeit wird hier über vermeintlich typische Frauenthemen wie Kindeswohl, Impfung oder Erziehung Stimmung gemacht. Rechtsextreme versuchen darüber Frauen anzusprechen und sie mit rechtsextremen Deutungsangeboten zu versorgen.

Welche Rolle spielt die Corona-Krise?

Menschen sind verunsichert und suchen nach Lösungen oder Erklärungen – und nach einem Schuldigen. In Zeiten von Krisen haben deshalb Verschwörungserzählungen Hochkonjunktur. Dazu wird vor allem auf uralte antisemitische Klischees und Verschwörungserzählungen zurückgegriffen. Diese werden derzeit wieder aufgewärmt und mit dem Thema Corona quasi neu eingekleidet: dann heißt es beispielsweise, dass eine verschworene Elite oder Bill Gates Corona erfunden hätten, um die Menschheit über Impfungen manipulieren zu können. Auch wenn Verschwörungserzählungen manchmal völlig absurd erscheinen, können sie brandgefährlich sein, weil sie sich rasend schnell verbreiten und einige Menschen fest daran glauben.

"Völlig unbedarfte Mütter kommen mit rechtsextremen Welterklärungen in Kontakt"

Judith Rahner
Judith Rahner arbeitet für die Amadeu Antonio Stiftung. Sie ist dort Leiterin der Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus,
© Tanja Schnitzler

Sie beobachten die Tendenz, dass rechte Ansichten in harmlos erscheinenden Erziehungsblogs ganz subtil an die Frau (und Mutter) gebracht werden. Wie passiert das? Warum finden die dort Anklang? Welche Themen werden dort behandelt?

Die Pandemie hat der Verschwörungslegende QAnon zu einem rasanten Aufstieg verholfen, deren Ursprung in der rechtsextremen digitalen Subkultur der USA liegt. Deren Anhänger*innen sind davon überzeugt, dass es eine geheime Schattenregierung, bestehend aus Politik und Hollywood-Prominenz gebe, die Kinder in Folterkellern hält, um sich an ihnen zu vergehen und massenhaft Adrenochrom – ein Stoffwechselprodukt von Adrenalin – abzuzapfen, das ewige Jugend verleihe. Bei der viralen Verbreitung spielen auch Wellness-, Gesundheits- und Lifestyle-Influencer auf Instagram und anderen Onlinediensten eine Rolle. Einige Influencer erklären sich als Mütter dazu verpflichtet, diesen vermeintlich wahren Geschichten von Kindesmissbrauch nachzugehen. Gruppen wie "QAnon-Moms on mission" oder "Moms for QAnon" verbreiten ihre verstörenden Verschwörungsideen als "besorgte Mütter" äußerst sendungsbewusst unter ihren vielen tausend Followern. In Deutschland ist dieser Trend ebenfalls zu beobachten. So kommen auch völlig unbedarfte oder tatsächlich besorgte Mütter mit rechtsextremen Welterklärungen in Kontakt.

Woran kann ich als Mutter konkret erkennen, dass hier Rechte am Werk sind? Gibt es Erkennungszeichen? Warnsignale? Bestimmte Hashtags zum Beispiel? 

Verbreitung finden diese Erzählungen auf sämtlichen Plattformen und Messengerdiensten von Facebook, Youtube, Tiktok, über Instagram oder Telegram. Das Symbol 'Q' oder die zugehörige Losung WWG1WGA (engl. when we go one, weg go all) ist dabei on- und offline zu einem Kult und regelrechten Massenphänomen mutiert. Es findet sich auf T-Shirts, Flaggen, Mützen und sogar Stramplern oder Hashtags. Aber auch unter Hashtags wie #safethechildren oder #theawakening finden sich oft Inhalte, die eine Verbindung zur QAnon-Erzählung aufweisen, unseriöse Erzählungen über Corona beinhalten oder menschenfeindliche Parolen verbreiten.

Haben Sie Tipps für Mütter? Kann ich mich wehren? Was sollte ich tun, wenn mir so etwas auffällt?

Wenn Influencer oder digitale Erziehungsratgeber Schuldige suchen, Hetzen und menschenfeindliche Ideen verbreiten, können sie keine vertrauenswürdige Quelle für Fragen rund ums Kindeswohl sein. Es ist gut, sich die Quelle genauer anzuschauen: wer ist diese Person? Welche Qualifikation hat die Person zu Gesundheitsthemen, Kindererziehung o.ä zu sprechen? Wie ist die Person vernetzt und auf welche Quellen verweist sie? Hetze und Diskriminierung direkt bei den Betreibern melden. FakeNews oder einschlägige Akteure können bei Faktencheckern überprüft werden oder über www.mimikama.at oder www.belltower.news.

"Wünsche mir mehr Sensibilität von der Politik"

Was wünschen Sie sich zu diesem Thema von der Politik?

Von der deutschen Politik und Sicherheitsbehörden wünsche ich mir mehr Sensibilität für diese Themen und ein stärkeres Durchgreifen. In den USA ist QAnon vom FBI als terroristische Bedrohung eingestuft worden. Vor ein paar Wochen ist von den großen High-Tech-Firmen sehr viel Content mit QAnon-Inhalten gelöscht worden.

Seitdem sind einige Seiten nicht mehr aufrufbar und die Verbreitung konnte aufgehalten werden. Es ist aber nur eine Frage der Zeit bis diese Verschwörungserzählungen sich über andere Hashtags oder Seiten erneut verbreiten. Es braucht also vor allem Aufklärung und den Aufbau kritischer Medienkompetenz.

Vielen Dank für das Gespräch.

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