Hans-Böckler-Stiftung: Mindestlohn reicht in den meisten Großstädten nicht zum Leben

© dpa, Arno Burgi

24. April 2018 - 13:25 Uhr

Studie: Mindestlohn zu niedrig

Im Jahr 2015 wurde er eingeführt, aktuell beträgt er 8,84 Euro pro Stunde: der Mindestlohn. Arbeitnehmern soll er die Existenz sichern – doch besonders in deutschen Großstädten wird das immer schwieriger. Aus einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung geht jetzt hervor: Der Mindestlohn ist für das Leben in den meisten deutschen Großstädten zu niedrig.

Mieten belasten Mindestlohn-Verdiener in den Großstädten schwer

Besonders die hohen Mieten in Großstädten dürften Arbeitnehmern, die auf Mindestlohnbasis angestellt sind, das Leben schwer machen. Denn aufgrund der großen Nachfrage nach Immobilien und dem Mangel an Wohnungen steigen die Mietpreise in deutschen Großstädten immer weiter. So geben mehr als 40 Prozent aller Großstädter bereits mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für ihre Miete aus. Das geht aus einer Studie der Berliner Humboldt-Universität hervor.

Die Folge: Der bundesweite gesetzliche Mindestlohn steht in vielen Großstädten nicht mehr im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten. "Wer zum Mindestlohn beschäftigt ist, kann in vielen Großstädten auch als Alleinstehender oft kein Leben ohne zusätzlichen Hartz-IV-Bezug führen", heißt es in einer Stellungnahme der Hans-Böckler-Stiftung für die Mindestlohnkommission. Letztere setzt alle zwei Jahre die Höhe des Mindestlohns neu fest. Zum 01.01.2019 tritt ein neuer Mindestlohn in Kraft. Dieser wird nach der Abgabe einer Empfehlung durch die Mindestlohn-Kommission festgesetzt.

Mindestlohn reicht in München bei Weitem nicht

Für die Hans-Böckler-Stiftung haben das stiftungseigene Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung sowie das ebenfalls zur Stiftung gehörende Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) berechnet, welcher Mindestlohn in welchen Städten notwendig wäre, um nicht auf zusätzliche Leistungen angewiesen zu sein.

Am wenigsten reicht er demnach in München: In einem Single-Haushalt bräuchte ein Arbeitnehmer mit einer 37,5-Stundenwoche – der tariflich festgelegten durchschnittlichen Arbeitszeit – einen Stundenlohn von 12,77 Euro, um nicht aufstocken zu müssen. Bei einer 40-Stundenwoche seien es noch 12,03 Euro pro Stunde.

Es folgen Köln (11,20 Euro pro Stunde bei 37,5 Wochenstunden), Bonn (10,84 Euro) und Frankfurt (10,80 Euro). In 15 von 20 Städten sei ein Mindestlohn von 9,50 Euro nötig. Bei ihren Berechnungen beriefen sich die Forscher auf Daten der lokalen Jobcenter zur örtlichen Miete sowie auf Heizkostendaten der Bundesagentur für Arbeit.

Mindestlöhne in Westeuropa meist höher

Der Studie der Autoren zufolge hat sich die Einführung des Mindestlohns in Jahr 2015 aber dennoch bewährt: Die Maßnahme habe zu einem deutlichen Anstieg der Löhne im Niedriglohnsektor geführt. Außerdem habe sie sich in der Wirtschaft nicht negativ auf Wachstum und Belegschaft ausgewirkt.

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern steht der deutsche Mindestlohn zwar nicht schlecht da. Aus einer im Februar dieses Jahres veröffentlichten Studie des WSI geht aber hervor, dass in Deutschland weniger bezahlt wird als in den meisten westeuropäischen Ländern. In Belgien gibt es mindestens 9,47 Euro, in den Niederlanden 9,68 und in Frankreich 9,88 Euro pro Stunde. Am meisten bekommen Arbeitnehmer in Luxemburg: Hier beträgt der Mindestlohn aktuell 11,55 Euro.