Scharfe Kritik an Kollegen und WM-Plan

Vor der Handball-WM: Zoff im DHB-Team

08. Januar 2021 - 18:49 Uhr

Torwart-Duo sorgt für Wirbel - DHB-Coach genervt

Während Deutschland im verlängerten Lockdown feststeckt, reist unsere Handball-Nationalmannschaft kommende Woche nach Ägypten – die Weltmeisterschaft mit 32 Teams steht an. Und das ganze vor Publikum in den Hallen. Eine Entscheidung, die Torwart Johannes Bitter gar nicht passt. Seiner Wut darüber verschafft er nun Luft. Viel tiefer scheint aber der Frust bei Keeper-Kollege Andreas Wolff zu sitzen. Dessen scharfe Kritik geht jedoch nicht gegen die Organisatoren, sondern überraschend gegen die eigenen Mitspieler. Es brodelt im DHB-Team – und Nationaltrainer Alfred Gislason hofft, dass das Thema WM-Absage schnell begraben wird (siehe Video oben).

Wolff sieht WM-Absage von Pekeler und Co. "sehr, sehr kritisch"

Dass sich die Kieler Profis Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler und Steffen Weinhold gegen eine Teilnahme an der WM entschieden haben, traf bisher auf viel Verständnis. Der DHB hatte seinen Profis schließlich freigestellt, ob sie die Reise in die Wüste mit antreten wollen – oder aufgrund der aktuellen Corona-Lage darauf verzichten. Viele Bundesliga-Clubs rieten ihren Spielern sogar davon ab, das Turnier zu spielen.

Wem die Entscheidung des Trios aber gar nicht passt: Kollege Andreas Wolff. Einstiger Mannschaftskamerad der Dreien beim THW. Er sehe ihre Absage "sehr, sehr kritisch", sagte Wolff in einem Podcast der Rhein-Neckar Löwen. Eine kleine Bombe, die der 29-Jährige damit platzen ließ. Natürlich sei es für Familienväter etwas Schweres, die Kinder für einen Monat zurückzulassen. Trotzdem sei ihr Handeln nicht konsequent: "Dass sie dieses Jahr das Turnier fahren lassen, nachdem sie selbst permanent in der Champions League aktiv waren, stört mich", so Wolff.

VIDEO: Nach WM-Absagen-Flut - deutsche "Nobodys" sind heiß auf das Turnier

Wolff legt mit strittigem Argument nach

Genug der Kritik an den Teamkollegen? Von wegen. Denn auch in der Champions League, die der THW im Finale gegen Barcelona gewann, seien die Spieler in Länder gereist, die als Risikogebiete gelten. Wolff legt nach: "Und jetzt auf einmal bei der WM ist es so ein großes Problem, obwohl die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen deutlich höher sind als beispielsweise in internationalen Wettbewerben." Ein strittiges Argument – wurden doch Töne laut, dass die Blase in Ägypten viel mehr bloß "ein Witz" und die Gefahr für die Spieler, sich mit Corona zu infizieren, dort sehr hoch sei.

Der Schlussmann vom polnischen Top-Club Vive Kielce scheint dennoch richtig verärgert über das THW-Trio zu sein, durch deren Absage die Chancen der Deutschen im Turnier als deutlich schlechter eingestuft werden. Schließlich fehlt mit dem eingespielten THW-Duo Wiencek/Pekeler der Abwehr-Innenblock. Dazu kommt die Absage von Melsungens Finn Lemke, der unter den aktuellen Bedingungen ebenfalls lieber zuhause bleibt. "Und was mich noch mehr daran stört, ist, dass ihre Mannschaftskameraden aus anderen Ländern offenbar kein Problem damit haben, ihre Familien zurückzulassen und zur WM zu fahren", so Wolff.

Dieses Bild wird es bei der WM 2021 nicht geben: Andreas Wolff (re.) im Gespräch mit Hendrik Pekeler (li.).
Dieses Bild wird es bei der WM 2021 nicht geben: Andreas Wolff (re.) im Gespräch mit Hendrik Pekeler (li.).
© Imago Sportfotodienst

Bitter: "Ich missbillige das"

Auch Keeper Johannes Bitter ist mit der Situation nicht glücklich. Allerdings richtet er seine Kritik an die Organisatoren des Turniers. "Ich finde es mehr als fragwürdig, in solch einer Zeit Zuschauer in die Hallen zu lassen. Ich missbillige das", erklärte Bitter gegenüber der "Hamburger Morgenpost" und spricht davon, dass Zuschauer ganz klar "das falsche Signal" seien.

Das Turnier wird gespielt, weil der Handball sich präsentieren müsse, um "seine Existenz zu sichern", erklärte Bitter. Aber dafür braucht es keine Zuschauer in den Hallen: "Das ist nicht glaubwürdig." Stattdessen geht es dabei bloß um die Wirkung der TV-Bilder. "Wie können wir vor Zuschauern spielen, wenn bei uns zu Hause Lockdown ist?" – eine Frage, die sich wohl auch viele deutsche Zuschauer stellen werden.

VIDEO: Gensheimer glaubt an "die Blase" in Ägypten

DHB fährt Kuschelkurs: Kritik ist kein Thema im Team

Beim DHB geht man nach den Aussagen erstmal wieder auf Kuschelkurs. Verbandspräsident Andreas Michelmann erklärte gegenüber dem SID: "Andreas darf seine Meinung kundtun, wir akzeptieren das. Jetzt sollten wir das Thema mal abhaken und uns voll auf die WM konzentrieren." Und DHB-Sportvorstand Axel Kromer versicherte dem SID, dass "mit Andi gesprochen" wurde. "Innerhalb des Teams ist das Thema durch. Viele Führungsspieler haben ja längst ihr Verständnis für die WM-Absagen geäußert."

Aber Gislason stinkt's

Ob dann wohl auch Pekeler und Co. ihr Verständnis für die Kritik äußern? Der Nationaltrainer tut es jedenfalls schon mal nicht. "Ich bin nicht zufrieden damit, dass diese Diskussion losgeht", sagte der Isländer Alfred Gislason bei einer virtuellen Medienrunde am Freitag. "Natürlich ist man enttäuscht, dass man nicht mit dem allerbesten Kader runterfahren kann. Ich hoffe, dass dieses Thema begraben wird. Es stört uns nur in unserer Vorbereitung hier", so der DHB-Coach.

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