„Richtig sauer und tief enttäuscht“

DHB-Team: Andreas Wolff schiebt Frust in seinem persönlichen WM-Horrorfilm

Andreas Wolff ist richtig sauer und enttäuscht.
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22. Januar 2021 - 13:41 Uhr

„Unruhiger“ Schlaf beim Handball-Keeper

Die Nacht war kurz und gruselig. Wie ein Horrorstreifen in Dauerschleife spukten die Gedanken an das bittere 28:32 gegen Spanien durch den Kopf von Andreas Wolff. "Der Schlaf war unruhig und nicht gerade sehr erholsam", sagte der Torhüter der deutschen Handballer am Freitag. Tiefe Augenringe zeugten von einer kurzen Bettruhe. Wolff wirkte niedergeschlagen.

Häme und Spott für Wolff in den sozialen Netzwerken

Es ist bislang nicht das Turnier der deutschen Mannschaft. Nicht das Turnier der hoch gelobten deutschen Torhüter. Und vor allem nicht das Turnier von Wolff. "Mich ärgert das kolossal. Ich bin richtig, richtig sauer und tief enttäuscht", sagte der 29-Jährige selbstkritisch.

Gegen Spanien hielt Wolff, den Bundestrainer Alfred Gislason kurz vor der WM zu seiner Nummer "1A" auserkoren hatte, gerade einmal 4 von 18 Bällen (22 Prozent) - der DHB-Coach nahm den Europameister von 2016 kurz vor der Pause vom Feld.

Im Internet sah sich Wolff daraufhin am Freitag beißendem Spott ausgesetzt. "Was hältst du von Spanien?", hieß es etwa auf Twitter: "Andi Wolff: 'Fast nichts.'" Häme, mit der Wolff rechnen muss. "Er hat vor Turnierbeginn die Erwartungshaltung mit seinen Aussagen sehr hoch gesetzt. Wenn er die Erwartungen nicht erfüllt, dann muss er mit der Kritik leben. Das ist das Geschäft, dem muss Andi Wolff sich stellen, was er auch tun wird", sagte der frühere Weltmeister-Torwart Henning Fritz dem SID.

VIDEO: Enttäuschung im DHB-Team ist riesig

„Weiß nicht, wohin mit meiner Energie“

Wer Wolff kennt, der ahnt, wie die Situation an ihm nagt. Wie es in ihm brodelt, und wie unzufrieden er mit sich selbst ist. Schon gegen Ungarn (28:29) hatte der Schlussmann vom polnischen Spitzenklub Kielce nur 2 von 15 Bällen gehalten (13 Prozent) - und das, nachdem er im Auftaktspiel gegen Uruguay (43:14) pausieren musste. "Die Frustration ist riesig, insbesondere in Verbindung mit dem Ungarn-Spiel. Ich weiß gar nicht, wohin mit meiner Energie", so Wolff.

Wolffs bisheriger Vertreter, Johannes Bitter, spielt bislang ein solides Turnier, von seiner Bestform ist aber auch er noch ein Stück entfernt. Und so sah sich DHB-Sportvorstand Axel Kromer am Freitag kritischen Fragen ausgesetzt. "Ich will mich weit von der Behauptung distanzieren, dass wir ein Torwartproblem haben", so Kromer: "Ich bin auch nicht bereit darüber zu diskutieren, ob Andi Wolff irgendwelche Schwächen aktuell zeigt." Die Keeper würden in den nächsten Spielen wieder Impulse setzen.

Wolff-Kritik wurde zum Eigentor

Wolff ist im deutschen Team aber längst nicht mehr unumstritten. Was nicht nur an den mäßigen Leistungen, sondern auch an seinem Gebaren außerhalb des Feldes liegt. Die Erinnerungen an Wolffs kritische Töne an den coronabedingten WM-Absagen einiger Nationalspieler sind frisch.

Eine Woche vor dem Turnierauftakt hatte der Keeper seine früheren Kieler Teamkollegen Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler und Steffen Weinhold, allesamt auch langjährige Kameraden in der Nationalmannschaft, öffentlich angezählt. Er sehe die Absagen "sehr, sehr kritisch". Pikant bei Wolffs Aussagen: Sie stammten aus dem Podcast seines eigenen Beraters.

Diese Worte könnten Wolff gepaart mit den bisher in Ägypten gezeigten Leistungen nun auf die Füße fallen. Silvio Heinevetter scharrt schon mit den Hufen - gut möglich, dass er gegen Brasilien am Samstag (20.30 Uhr) eine weitere Chance erhält. Schon zum Auftakt gegen Uruguay hatte er mit 52 Prozent gehaltenen Bällen geglänzt - eine Quote, von der Wolff weit entfernt ist. Bislang zumindest.

RTL.de/SID