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Hamilton erst lammfromm, dann der reißende Wolf

Hamilton erst lammfromm, dann der reißende Wolf

Von Steffen Kosuch

Als das spannendste Rennen der Saison wird der Brasilien-GP vermutlich nicht in die Geschichte eingehen, trotzdem bleibt eine zentrale Fragen offen: Warum mutierte der zuvor lammfromme Lewis Hamilton plötzlich zum reißenden Wolf? Der Weltmeister spielte mit seiner Fahrweise in Sao Paulo der Konkurrenz in die Karten, für den Teamkollegen reichte es dennoch zum souveränen Sieg - Balsam für das Seelenleben des Vize.

Lewis Hamilton, Nico Rosberg
Der reißende Wolf Lewis Hamilton machte sich im ersten Drittel des Brasilien-GP auf Rosberg-Jagd.
Getty Images, Bongarts

Eigentlich verspricht der Kurs in Interlagos ein enges Feld, packende Zweikämpfe, unter dem Strich also ein spannendes Rennen - falls es denn keine Supermacht gibt. Die Dominanz von Mercedes in diesem Jahr ist einfach so gewaltig, dass der Kampf um den Rennsieg eigentlich das einzig verbleibende Spannungselement sein sollte.

Nico Rosberg hatte sich nach einer starken Vorstellung im Qualifying die Pole geschnappt und behauptete diese auch trotz heftiger Attacken seines Rivalen kurz nach dem Start. In den folgenden Runden gelang es Rosberg sogar, ein kleines Polster auf Hamilton rauszuholen, zumindest genug, um nicht mittels DRS überholt zu werden. Zu diesem Zeitpunkt sah es nicht danach aus, als ob Hamilton mit dem Messer zwischen den Zähnen fährt, um das Rennen auf Teufel komm raus zu gewinnen - eine trügerische Sicherheit, wie sich nach den ersten Stopps herausstellen sollte.

Kaum hatten die Mercedes in den Runden 13/14 auf frische Medium-Reifen gewechselt, mutierte der bis dahin lammfromme Hamilton plötzlich zum reißenden Wolf. Er machte dermaßen Druck auf den führenden Teamkollegen, dass sich dessen kleiner Vorsprung in Luft auflöste. Dabei bereitete Hamilton aber nicht nur Rosberg Kopfweh, auch den Strategen an der Mercedes-Box passte dieser aggressive und somit reifenmordende Fahrstil vermutlich gar nicht.

Mit dem ersten Stopp in Runde 13 bzw. 14 war man eigentlich auf Kurs einer perfekten Zwei-Stopp-Strategie, die als die sicherste Variante für einen silbernen Doppelerfolg auserkoren wurde. Dazu wäre es allerdings nötig gewesen, die Reifen über die langen Stints zu schonen und nicht zu überfordern. Mit seiner harten Fahrweise tat Hamilton aber genau dies und zu allem Überfluss zwang er den im Verteidigungsmodus fahrenden Teamkollegen auch noch mitzuziehen.

Balsam für Rosbergs Rennfahrerseele

Wäre man so weiter gefahren, hätte es dem dahinter lauernden Sebastiane Vettel in die Karten gespielt. Die Befürchtung der Rennstrategen von Mercedes und Teamchef Toto Wolff: Würde man wegen abbauender Reifen auf eine eigentlich langsamere Drei-Stopp-Strategie wechseln, so könnte Ferrari mit nur zwei Stopps zum echten Problem werden, an der Mercedes-Box kam ein Déjà-vu namens Malaysia hoch.

Ob aufgrund einer Anweisung des Teams oder wegen sich mittlerweile abbauender Reifen bleibt dahingestellt, aber ab Mitte des zweiten Stints gab Hamilton plötzlich spürbar nach und reduzierte den Druck auf den Führenden. Als Vettel in Runde 32 mit einem Wechsel auf eine Drei-Stopp-Strategie versuchte, bei den Silbernen Verwirrung zu stiften und das Unmögliche zu schaffen, eröffnete dies den Mercedes-Piloten die Chance, nun ebenso auf die langsamere Drei-Stopp-Strategie zu wechseln und die durch Hamiltons Angriffe geschundenen Reifen zu wechseln.

Ab diesem Zeitpunkt schienen alle Positionen bezogen, auch wenn Hamilton zu Beginn des Schlussstints den Druck für wenige Runden wieder etwas erhöhte - ein Schlussspurt ohne Folgen. Rosberg schien stets alles unter Kontrolle zu haben und sicherte sich letztlich souverän den zweiten WM-Sieg in Folge.

Dieser erneute Erfolg tut nicht nur Rosberg geschundener Rennfahrerseele gut, sondern scheint umgekehrt auch den alten und neuen Weltmeister hart zu treffen. Diverse Äußerungen vor und nach dem Rennen lassen darauf schließen, das Hamilton durchaus alles gab, was den Sieg für Rosberg umso wertvoller macht. Vor der Winterpause sind diese Erfolgserlebnisse besonders wichtig, schließlich werden bereits jetzt die Weichen für 2016 gestellt.

Ein Blick auf das Rennen von Vettel zeigt, dass der Ferrari-Star momentan in einer eigenen Liga fährt - abgehängt von Mercedes, aber weiter vor der Konkurrenz. Den Teamkollegen hatte er schon früh klar geschlagen, zu den Silberpfeilen war der Abstand wieder einmal zu groß. Die einzige Chance wäre wohl gewesen, auf zwei Stopps zu bleiben und zu hoffen, dass der teaminterne Kampf bei Mercedes zu sehr an den Pneus nagen würde, so dass sie gezwungen wären, drei Mal frische Reifen aufzuziehen. Mit seinem Versuch, Mercedes unter Druck zu setzen und selbst den Wechsel auf eine Drei-Stopp-Strategie einzuleiten, verbaute Vettel sich letztlich diese Option. Ob ein derartiges Szenario aufgegangen wäre, ist sowieso fraglich, wenn man die Performance der Silberpfeile im Hinterkopf behält.

Was bei den Verantwortlichen allerdings Stirnrunzeln verursachen dürfte, ist die Performance von Räikkönen. Auch wenn der Finne eine andere, nicht zwingend langsamere Strategie fuhr, so klafft eine viel zu große Lücke zum Teamkollegen. Will Ferrari 2016 den Großangriff auf Mercedes einläuten, brauchen die 'Roten' zwei konkurrenzfähige Autos, nur mit Vettel und einem sporadisch auftauenden Räikkönen wird es wohl nichts werden.