Taten sind mehr als 70 Jahre her

Hamburg: Ehemaliger SS-Wachmann wegen Beihilfe zu 5.230-fachem Mord vor Gericht

18. Oktober 2019 - 10:26 Uhr

Prozess gegen 93-Jährigen startet

Bruno D. soll die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt haben, so der Vorwurf der Staatsanwalt Hamburg. Mit 18 Jahren war Bruno D. 8 Monate Wachmann der SS im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig. Das hat er bereits eingeräumt. Zu seinen Aufgaben gehörte laut Staatsanwaltschaft, die Flucht oder Befreiung der KZ-Insassen zu verhindern. Noch in diesem Jahr soll ein Urteil über das Handeln als KZ-Wächter vor mehr als 70 Jahren fallen. Der 93-jährige Angeklagte ist gesundheitlich angeschlagen.

Für Krieg nicht brauchbar

Bruno D. wird in einem Rollstuhl in den Gerichtssaal geschoben. Wegen der Gesundheit des 93-Jährigen soll kein Verhandlungstag länger als zwei Stunden dauern. Nach der Anklageverlesung ergreift sein Anwalt Stefan Waterkamp das Wort: Bruno D. sei kein Anhänger des Systems gewesen und nicht freiwillig in die SS eingetreten.

Der damals 18-Jährige sei im Konzentrationslager Stutthof eingesetzt worden, weil er für den Krieg nicht zu gebrauchen gewesen sei. Vom August 1944 bis April 1945 war Bruno D. Wachmann in dem KZ. Warum die Angehörigen der Opfer des KZ Stutthof eine Verurteilung des Mannes fordern, sehen Sie im Video.

Tod durch Genickschuss, Gas oder Verhungern

Konzentrationslager von Stutthof.
Das ehemalige Konzentrationslager von Stutthof: Hier soll der Angeklagte einen Massenmord zugelassen haben
© deutsche presse agentur

Im KZ Stutthof, dessen Nebenlagern und auf den sogenannten Todesmärschen kamen während der NS-Zeit 65.000 Menschen ums Leben. Auch während der Dienstzeit von Bruno D. wurden Menschen in den Baracken umgebracht, davon habe der Angeklagte gewusst. Gegenüber den Ermittlern soll er aber eine Mitschuld abgestritten haben.

Die Todeskämpfe der Insassen waren für den damals 18-Jährige laut Anklage nicht zu übersehen und überhören gewesen, auch das hat er bereits eingeräumt, deshalb ist der 93-Jährige wegen Beihilfe zu 5.230-fachem Mord angeklagt. Weil er damals 18 Jahre alt war, verhandelt die Jugendstrafkammer im Hamburger Landgericht.

Dass Bruno D. mehr als 70 Jahre nicht strafrechtlich verfolgt wurde, aber nun doch noch vor Gericht steht, ist laut seinem Verteidiger für den Angeklagten schwierig. "Er sieht nun sein gesamtes Leben in Frage gestellt", so Stefan Waterkamp.

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33 Nebenkläger verfolgen Prozess

Die Befreiungen der Konzentrationslager sind mehr als 70 Jahre her, dementsprechend gibt es nur noch wenige Zeitzeugen. Der Prozess am Landgericht Hamburg wird wohl einer der letzten sein, denn die noch lebenden mutmaßlichen Täter sind oft älter als 90 Jahre. Im RTL-Interview erklärt ein KZ-Überlebender, warum er den Prozess kritisch sieht.

Einige Überlebende des Holocaust und Angehörige von Opfern sind beim Prozessauftakt im Gericht. Einer davon ist Ben Cohen. Er ist der Enkel von Trude Meisel. Die 90-Jährige konnte selbst nicht mehr aus den USA nach Deutschland reisen. Sie hat ihre Mutter verloren und lässt eine Botschaft durch ihren Anwalt verlesen: Dass der Angeklagte mit seiner SS-Vergangenheit konfrontiert wird, bringe Gerechtigkeit für ihre ermordete Mutter.