Kumpel drückte ihm einen Böller in die Hand

Um seine Freunde zu retten: Mann verliert auf einer Gartenparty seine linke Hand

Um andere zu retten: Kaoa Ahmed verlor seine linke Hand auf einer Gartenfeier
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16. September 2020 - 9:46 Uhr

Ohrenbetäubender Knall

Noch immer kann Kaoa Ahmed nicht fassen, wie es dazu kommen konnte, dass er von einem auf den anderen Tag seine Hand verlor. Es verschlägt ihm immer wieder die Sprache, als er von dem tragischen Unfall berichtet. Ein Kumpel nahm ihn am 29. August mit zu einer Geburtstagsfeier einer Freundin in Bergedorf. Sie standen im Garten zusammen, quatschten und tranken ein Bierchen. Dann sagte sein Freund: "Halt mal" und drückt dem 41-Jährigen einen angezündeten Böller in die Hand. Der wusste erst einmal nicht, was das überhaupt ist. Sein Kumpel forderte ihn dann auf, den Sprengkörper wegzuwerfen. Doch der einzige Gedanke, der Kaoa Ahmed durch den Kopf schoss: "Ich weiß nicht, was das ist. Und wohin damit, da sind überall Frauen und Kinder! Ich war noch bei dem Gedanken, als es plötzlich knallte". Ein ohrenbetäubender Knall. Daraufhin Totenstille. "Ich hatte warme, heiße Gefühle in der linken Hand. Es hat geraucht und geblitzt." Dann wurde ihm bewusst, dass er seine linke Hand verloren hatte.

Gefährliche Rakete

Freunde riefen sofort den Rettungswagen. Mit einem Tuch bedeckten sie die Wunde, mit einer Hundeleine banden sie den verletzten Arm ab, um die Blutung zu stoppen. Kaoa Ahmed stand wie paralysiert da. "Warum hast du das getan, ich wollte das nicht haben? Meine Hand ist weg", soll er immer wieder gerufen haben, berichtet Katrin Menzi, die auf der Party war. Dann kam der 41-Jährige ins Krankenhaus. Dort ist er auch heute noch. Mittlerweile hat er die dritte Operation mit Hauttransplantation hinter sich. Wie sich später herausstellte, war der Böller eine Signalrakete, die eigentlich bei der Seenotrettung eingesetzt wird und für deren Besitz ein Pyroschein notwendig ist. Hätte Kaoa Ahmed die Rakete näher an den Körper gehalten, hätte ihn das nicht nur seine Hand, sondern auch sein Leben kosten können, so Menzi.

„Ich weiß gar nicht, wie ich jetzt damit umgehen soll“

Die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet. Er kannte seinen Freund gut, traf sich zwei bis dreimal die Woche mit ihm. "Es sei keine Absicht gewesen", ist sich Kaoa Ahmed sicher. "Aber Dummheit". Am meisten ärgere ihn, dass dieser Unfall vermeidbar gewesen sei. "Wir sind extra aus Syrien abgehauen und jetzt in Deutschland, wo man denkt, es gibt Frieden. Und dann passiert so etwas und das auch noch auf einer Gartenparty. Wäre es wenigstens etwas sinnvolles gewesen." Und das ist auch der Grund dafür, dass er seiner in Syrien lebenden Eltern noch nichts von dem Unglück erzählt hat. Er wisse nicht, ob das seine Mutter verkraftet, er fände es irgendwie "peinlich". "Ich weiß gar nicht, wie ich jetzt damit umgehen soll", sagt er. Gegen den Freund läuft aktuell ein Strafverfahren.

Unbekannte werden zu Freunden

Kaoa Ahmed sei ein so netter und herzlicher Mensch, erzählt Katrin Menzi. Gerade deshalb war es ihr besonders wichtig, ihm nach diesem tragischen Unglück zu zeigen, dass er nicht alleine ist. Sie und auch die anderen Gäste auf der Geburtstagsfeier besuchen Kaoah Ahmed regelmäßig im Krankenhaus. "Am Anfang wollte ich sterben", erinnert sich Kaoa Ahmed an die ersten Tage nach dem Unfall. "Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, kenne ich mich selbst nicht mehr". Doch die Hilfsbereitschaft von den eigentlich unbekannten Gästen auf der Feier machen ihm Mut: "Ich kannte sie kaum und sie haben sich so eingesetzt."

Aufgeben ist keine Option

Wie es weiter geht, weiß Kaoa noch nicht. Er hofft nun, eine Handprothese zu finden, die mehr kann als nur ein Glas zu halten. Denn für seine Ausbildung braucht Kaoa Ahmed beide Hände. Trotz Handicap will er liebend gerne die Schulung zum Mechatroniker machen und seine Fähigkeiten dann vielleicht sogar für die Weiterentwicklung von Prothesen einsetzen, sagt er. Auch die Prüfung in seinem Deutschkurs B2 will er abschließen. "Es hätte noch viel Schlimmer werden können", sagt er. "Wenn ich noch lebe, dann muss ich weiterkämpfen." Dabei unterstützen ihn seine Freunde und haben ein Konto für Spenden bei der Darlehnskasse Münster eingerichtet (IBAN DE 34 400 602 650 20 20 20 800, Verwendungszweck: Unterstützung Kaoa).