Hambacher Forst: Tausende feiern Rodungsstopp und demonstrieren für den Kohleausstieg

5. Oktober 2018 - 10:53 Uhr

Umweltschützer feiern friedlich ihren Erfolg

An der Demonstration am Hambacher Forst haben nach Angaben der Veranstalter am Samstag 50.000 Menschen teilgenommen. "Es ist die mit Abstand größte Demo, die das Rheinische Braunkohlerevier je gesehen hat", sagte Dirk Jansen, Geschäftsführer des BUND Nordrhein-Westfalen. Der Gewerkschaftschef der Polizei NRW sprach am Nachmittag von 20-30.000 Demonstranten. Die Kundgebung sei friedlich verlaufen, sagte eine Polizeisprecherin. Bei strahlender Sonne herrschte auf den Äckern am Saum des Waldes bei Köln Festivalstimmung mit Reden und Live-Musik.

Der Hambacher Forst ist wieder frei - Aktivisten rufen zum Bau neuer Baumhäuser auf

Tausende strömten vom Demonstrationsgelände in den Wald, was seit dem Ende der Räumungsarbeiten wieder erlaubt ist. Der Bau neuer Baumhäuser ist dagegen verboten. Trotzdem rief die Aktivistengruppe "Ende Gelände" zum Bau neuer Baumhäuser im Hambacher Forst auf.  Bis Dienstag hatte die Polizei mit Millionenaufwand 86 Baumhäuser abgebaut.

Etwa 100 Aktivisten drangen auch in den Tagebau vor. Der Energiekonzern RWE hielt daraufhin zu ihrem Schutz einen der riesigen Bagger an, die dort eingesetzt werden. 

RWE: Der Rodungsstopp könnte den Konzern Millionen kosten

Für Umweltschützer war der Freitag ein Fest, für den Energie-Riesen RWE ein Debakel. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat entschieden, dass der Hambacher Forst nicht gerodet werden darf. RWE will in dem alten Wald tief im Westen eigentlich Braunkohle abbauen. Durch den vorläufigen Rodungsstopp befürchtet RWE einen erheblichen finanziellen Schaden: Man gehe von einem niedrigen dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr aus.

Eine endgültige Entscheidung über das Rodungsverbot falle möglicherweise nicht vor Ende des Jahres 2020. Das berichtet der "Spiegel". Grund dafür ist, dass über eine weitere Klage wohl erst im Frühjahr entschieden wird. Zuvor hatte das Oberverwaltungsgericht Münster in einem Eilbeschluss geurteilt, dass RWE nicht mit Rodungsarbeiten beginnen darf, bis über eine Klage des Umweltverbands BUND entschieden ist.

BUND: Wald hat die Qualitäten eines europäischen FFH-Schutzgebietes

Laut dem Eilbeschluss hat der Energiekonzern nicht ausreichend belegt, dass durch einen vorläufigen Rodungsstopp die Energieversorgung des Bundeslands Nordrhein-Westfalen bedroht wäre. Daher sei es nicht gerechtfertigt, durch die Rodung vollendete Tatsachen zu schaffen, die zudem Belange des Gebiets- und Artenschutzes unwiderruflich beeinträchtigen könnten. Die Rodung müsse deshalb vorerst gestoppt werden.

Der BUND hatte argumentiert, der Wald habe mit seinem Bechsteinfledermaus-Vorkommen die Qualitäten eines europäischen FFH-Schutzgebietes und müsse deshalb geschützt werden. Nun soll in einem weiteren Gerichtsverfahren vor dem Verwaltungsgericht Köln geprüft werden, ob der Hambacher Forst unter die sogenannte Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union fällt und somit aus Naturschutzgründen dauerhaft bestehen bleiben sollte. 

RWE hält die Rodungen im Hambacher Forst für "zwingend erforderlich"

Der Energiekonzern RWE wollte in den nächsten Monaten gut 100 der verbliebenen 200 Hektar des Waldes für den fortschreitenden Tagebau abholzen. RWE hält die Rodungen für "zwingend erforderlich". Eine vorübergehende Aussetzung der ab Oktober geplanten Abholzung würde die Stromerzeugung in den Kraftwerken in Frage stellen, so der Konzern.

Wegen des freiwilligen Verzichts auf Rodungen im vergangenen Jahr gebe es keinen zeitlichen Puffer mehr. Die Rodungssaison läuft von Anfang Oktober bis Ende März.

Die Bezirksregierung Arnsberg hatte im Frühjahr den sogenannten Hauptbetriebsplan für den Braunkohletagebau Hambach bis 2020 genehmigt, der auch die Rodungen erlaubt. Der BUND wollte das bis zu einer endgültigen Entscheidung per vorläufigem Rechtsschutz verhindern.

Der Wald gilt als Symbol für den Widerstand gegen die Braunkohle-Verstromung

Der Wald gilt mittlerweile als Symbol für den Widerstand gegen die Braunkohle-Verstromung und für den Klimaschutz. Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen hatte den Kreis Düren und die Stadt Kerpen angewiesen, die im Hambacher Forst errichteten Baumhäuser von Rodungsgegnern aus Sicherheitsgründen zu räumen.

Klimaaktivisten hatten über Jahre mit ihrer Wald-Besetzung gegen die Braunkohle und für den Klimaschutz demonstriert. Immer wieder wurden RWE-Mitarbeiter und Polizisten von Vermummten mit Molotow-Cocktails und durch Zwillenbeschuss angegriffen.

Mitte September verunglückte der Journalist Steffen M. im Hambacher Forst tödlich. Er stürzte von einer Hängebrücke 15 Meter in die Tiefe. Der Blogger hatte die Arbeit der Aktivisten jahrelang begleitet.