Sogar nach Vergewaltigung

Härtestes Abtreibungsgesetz Europas: Hier drohen Frauen bis zu drei Jahre Haft

ARCHIV - Das undatierte Foto zeigt einen sieben Wochen alten Fötus in einer Fruchtblase. Erstmals seit Jahren ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland wieder spürbar angestiegen. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Freitag
Schwangerschaftsabbrüche sind auf Malta per Gesetz verboten (Symbolbild).
dpa, Peter Endig

von Anna Hohns und Carmen Gocht

Es klingt unglaublich - ist aber wahr. Mitten in Europa droht Frauen eine Gefängnisstrafe, wenn sie sich gegen ein Baby entscheiden. Denn auf Malta verstoßen Abtreibungen gegen das Gesetz - trotzdem werden sie durchgeführt. Für ungewollt Schwangere und Ärzte bzw. Ärztinnen, die eigentlich helfen wollen, eine schwierige Situation. Aber es gibt auch Befürworter des Gesetzes, das nicht einmal eine Abtreibung nach einer Vergewaltigung duldet.

Die Angst der ungewollt Schwangeren

Rein rechnerisch verstößt jeden Tag mindestens eine Frau auf Malta gegen das Gesetz. Auch die 25-Jährige Maria (Anm. d. Red.: Name geändert) hat abgetrieben, erzählt sie im RTL-Interview. Sie wurde nach einem One-Night-Stand schwanger – obwohl sie sofort die „Pille danach“ nahm. Aber die wirkte nicht. "Ich glaube, ich wusste sofort, dass ich eine Abtreibung will.“

Die 25-Jährige spielt mit dem Gedanken, ihre Schwangerschaft im Ausland abbrechen zu lassen. Das wäre Malteserinnen nicht verboten. Aber dann findet sie im Netz das Angebot einer gemeinnützigen Organisation aus Kanada, die Abtreibungspillen verschickt. "Ich war glücklicherweise erst in der siebten Woche“, erzählt sie. Die Pillen gelten bei Ärzten bis zur 12. Woche als sicher. Maria entschied sich für diesen Weg und eine illegale Abtreibung alleine zu Hause. „Obwohl niemand die Abtreibungspillen im Blut nachweisen kann, hatte ich wirklich Angst, dass es jemand herausfindet. Vielleicht durch die Bank-Überweisung oder die Adresse auf dem Briefumschlag. Ich war wirklich besorgt. Und zu wissen, dass ich dafür drei Jahre ins Gefängnis wandern könnte, nur weil was ich für mich und meinen Körper entschieden habe, hat mir Angst gemacht."

Auch die Hilfe beim Schwangerschaftsabbruch ist strafbar

Professorin Isabel Stabile kennt viele Frauen, die schon einmal in Marias Lage waren. Die Gynäkologin setzt sich mit ihrer gemeinnützigen Organisation "Doctors for Choice" - übersetzt etwa "Ärzte für das Recht, selbst zu entscheiden" - für eine Änderung der Abtreibungsgesetze auf Malta ein. Denn hier dürfen z.B auch Kinder mit schweren Behinderungen, die nicht einmal lebensfähig sind, nicht abgetrieben werden. Isabel Stabile schätzt, dass jedes Jahr 300-400 maltesische Frauen im Land illegal per Pille abtreiben. Ärzten sind in diesem Punkt die Hände gebunden, erzählt uns die 64-Jährige. "Wir können den Frauen hinterher helfen, und das mache ich natürlich auch, oder auch davor. Aber ich darf ihr während der Abtreibung nicht helfen. Ich kann nicht unterstützen. Das ist illegal. Das würde mich für vier Jahre ins Gefängnis bringen und ich würde meine ärztliche Zulassung verlieren." Bei ihrer Arbeit stößt die Gynäkologin immer wieder auf Gegenwind – z.B. durch strikte Abtreibungsgegner.

Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

So tickt eine Abtreibungsgegnerin

Malta ist der kleinste Mitgliedsstaat der EU. Gut 500.000 Menschen leben hier, die meisten von ihnen sind streng gläubige Katholiken. Erst 2011 hat das Land zum Beispiel das Recht auf Scheidung eingeführt.

Dr. Theresa Galea ist Abtreibungsgegnerin. Die vierfache Mutter ist auch Frauenärztin. Sie teilt die Sichtweise der katholischen Kirche, dass Leben im Moment der Empfängnis beginnt. Und muss ihrer Meinung nach geschützt werden – unter allen Umständen: „Ich finde, dass eine Vergewaltigung keine Entschuldigung für eine Abtreibung ist. Es ist keine Rechtfertigung für eine Abtreibung. Das Kind kann doch nichts dafür. Heutzutage kann ich doch die ‘Pille danach’ nehmen, wenn ich vergewaltigt wurde. Die ist sehr effektiv."

Mehrheit der Malteser gegen Abtreibung

Laut einer Umfrage einer maltesischen Zeitung ist die Mehrheit der Bevölkerung dafür, dass Abtreibung im Land strafbar bleibt. In den vergangenen Jahren habe es zwar keinen bekannten Fall gegeben, in dem eine Frau tatsächlich deswegen ins Gefängnis musste, sagt Prof. Isabel Stabile. Das hänge allerdings sicher auch damit zusammen, dass die meisten Betroffenen öffentlich dazu schweigen. Aber die Angst, dass es passieren könne, bleibe auf Malta real - für Maria und viele hundert andere Frauen auf der Insel. (aho/cgo)