Gymnasium lehnt Henri wegen seiner Behinderung ab

Henri darf nicht auf seine Wunschschule
Henri darf nicht auf seine Wunschschule
© dpa, Uwe Anspach

17. Mai 2014 - 17:43 Uhr

"Fehlende Rahmenbedingungen"

Neue Fächer, neue Freunde, zu den "Großen" gehören: Dinge auf die sich Kinder, die die Grundschule erfolgreich hinter sich gebracht haben, freuen. So auch der elfjährige Henri aus Baden-Württemberg. Doch sein Wunsch-Gymnasium lehnt ihn ab, denn er ist behindert.

Trotzdem kämpften die Eltern des Jungen mit Down-Syndrom monatelang für seine Aufnahme an dem Gymnasium in Walldorf (Rhein-Neckar-Kreis). Sie freuten sich über Petitionen für die Aufnahme ihres Kindes und ärgerten sich über Petitionen dagegen. Nichtsdestotrotz verloren sie ihr Ziel nicht aus den Augen: Ihr Sohn soll nach den Sommerferien auf ein Gymnasium wechseln dürfen, auch wenn er dem Unterricht geistig nicht folgen kann.

Alle Bemühungen entpuppten sich allerdings als vergeblich. Die Schule begründete ihre Ablehnung damit, dass es nicht die nötigen Rahmenbedingungen für gemeinsamen Unterricht mit geistig Behinderten gebe.

Dabei hatte die Grün-Rot Regierung des Landes im Koalitionsvertrag versprochen, Eltern von behinderten Kindern ein Wahlrecht einzuräumen und sich Deutschland zur Inklusion verpflichtet hat. Gegen dieses Versprechen entschied sich auch Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Er hob den Beschluss des Gymnasiums gegen die Aufnahme des Elfjährigen in die fünfte Klasse ebenfalls nicht auf. Seiner Meinung nach, hänge das Gelingen der Integration von behinderten Schülern an Regelschulen nicht von Einzelschicksalen ab. Immerhin gebe es an den Gymnasien des Landes bereits 400 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

" Man möchte Inklusion, aber man schafft nicht die Voraussetzungen dafür."

Für die Eltern von Henri bedeutet das keinen Trost. So lehnte laut Spiegel nun auch die Gesamtlehrerkonferenz der Theodor-Heuss-Realschule die Aufnahme ihres Sohnes ab.

Viele Unterstützer von Henris Eltern werfen Skeptikern Behindertenfeindlichkeit vor. Die Petition für den Gymnasialbesuch des Jungen hat mehr als 25.000 Unterstützer. Die Gegenpetition bringt es auf immerhin gut 3.700.

Viele sehen in dem Fall einen Gradmesser, wie weit die Gesellschaft in Sachen Inklusion schon ist. Nicht sehr weit, findet Henris Grundschulleiter Werner Sauer. "Was mich gestört hat ist, dass Leute zu Wort kommen, die gar nichts von der Sache verstehen", sagt er. "Es wurde gleich schweres Geschütz aufgefahren. Da sind Gräben aufgerissen worden." Die Debatte sei sehr enttäuschend verlaufen. "Es ist eine ganz scheinheilige Diskussion: Man möchte Inklusion, aber man schafft nicht die Voraussetzungen dafür." Es seien viele Vorurteile hochgekommen, etwa, dass behinderte Kinder den Unterricht aufhielten und leistungsstärkere Schüler ausbremsten, sagt Sauer.

Der Zugewinn an Sozialkompetenz für die Kinder sei kaum Thema gewesen. Sauer ärgert sich, dass er vier Jahre lang Vorarbeit geleistet hat und jetzt keine Lösung für Henri in Sicht ist. "Es kann nicht nach der Grundschule einfach zu Ende sein."