Keine Pflichtverletzungen bei Kardinal Woelki nachgewiesen

Gutachten zum Missbrauch im Erzbistum Köln: Mangelhafte Aktenführung, Chaos und Vertuschung

Björn Gercke (r.,) und seine Kollegin Kerstin Stirner übergeben das Gutachten an den Kölner Kardinal Woelki.
Björn Gercke (r.,) und seine Kollegin Kerstin Stirner übergeben das Gutachten an den Kölner Kardinal Woelki.
© REUTERS, POOL, ems

24. März 2021 - 12:40 Uhr

Gutachten zu sexuellem Missbrauch in Erzbistum Köln: Über 800 Seiten

Entlastung für Kölns Kardinal Woelki, der Hamburger Erzbischof Heße unter Druck: Das mit Spannung erwartete Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln zeigt, wie sehr sich die Katholische Kirche selbst im Weg steht.

Worum geht es?

Der Strafrechtler Björn Gercke und sein Team haben in einem Gutachten den Umgang des Erzbistums Köln mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs untersucht. In dem über 800 Seiten starken Dokument geht es um das erste Gutachten dieser Art, in dem ungeschwärzt auch die Namen von Verantwortlichen genannt werden. Zusammen mit seinem Team hat er in den vergangenen Monaten die Kirchenakten von 1975 bis 2018 ausgewertet. Opfer hatten im Vorfeld große Erwartungen geäußert.

Im Video: Gutachter Gercke über Missbrauchsopfer

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Das sind die Fakten

  • Insgesamt wurden bei dem Gutachten Hinweise auf 202 Beschuldigte festgestellt. 57 Prozent der Opfer seien männlich. 55,1 Prozent der Betroffenen waren zum Tat- oder Verdachtszeitpunkt 14 Jahre oder jünger. Bei 63 Prozent der Beschuldigten handele es sich um Kleriker, also Priester.

  • In knapp 32 Prozent der Fälle habe es sich um sexuellen Missbrauch gehandelt, in gut 15 Prozent um schweren sexuellen Missbrauch. Die anderen Fälle stuft Gercke unter anderem als Grenzverletzungen und sonstige sexuelle Verfehlungen ein.

  • In gut einem Viertel der Fälle wurden die kircheninternen Ermittlungen eingestellt, weil der Beschuldigte bereits verstorben war. 46,1 Prozent der Fälle wurden "aus anderen Gründen nicht aufgeklärt", heißt es in dem Gutachten. In weniger als jedem fünften begutachteten Fall wurde der Verdacht bestätigt.

  • 26 Prozent der Fälle ereigneten sich bei privaten Treffen, 18 Prozent bei der Kinder- und Jugendbetreuung, zwölf Prozent im Rahmen der Schule oder des Unterrichts

  • Die Mehrheit (36 Prozent) der Verdachtsfälle fanden vor 1975 statt. 15 Prozent ereigneten sich zwischen 2015 und 2018, gefolgt vom Zeitraum 2010 bis 2014 (11 Prozent)

  • Die meisten Fälle wurden erst im Zeitraum zwischen 2010 und 2014 bekannt (44 Prozent), 2015 bis 2018 kamen noch einmal 29 Prozent dazu. Zum Vergleich: Nur drei Prozent der Fälle wurden vor 1975 bekannt, im Zeitraum zwischen 1975 und 1979 sogar keiner

  • Nur bei 49 Prozent der Betroffenen fand eine Anhörung statt, von den Beschuldigten wurden 45 Prozent angehört

Wer ist jetzt unter Druck?

Stefan Heße, katholischer Erzbischof von Hamburg, predigt beim ökumenischen Gedenkgottesdienst für die Opfer und Leidtragenden der Corona-Pandemie in der St. Nikolai Kirche. Foto: Axel Heimken/dpa +++ dpa-Bil
Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße ist durch das Gutachten unter Druck geraten
© dpa, Axel Heimken, ahe kde

Dem heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße werfen die Gutachter elf Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen im Erzbistum Köln vor. Heße war vor seiner Berufung nach Hamburg Personalchef und Generalvikar im Erzbistum Köln. In dieser Funktion musste er sich mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester auseinandersetzen. Heße bestreitet bisher die bereits in anderem Zusammenhang gegen ihn erhobenen Vorwürfe.

Die meisten Pflichtverletzungen stellten die Gutachter bei dem 2017 verstorbenen Kardinal Joachim Meisner fest. Auf dessen Konto gehe ein Drittel aller festgestellten Pflichtverletzungen, nämlich 24. Gercke sagte, ihm sei bewusst, dass Meisner in Köln für viele Menschen "Legendenstatus" habe. Meisner soll nach Angaben des Erzbistums einen Aktenordner mit dem Titel "Brüder im Nebel" geführt haben, in dem er geheimhaltungsbedürftige Unterlagen aufbewahrte.

Entlastung dagegen für den derzeitige Kölner Erzbischof: Kardinal Rainer Maria Woelki soll seine Pflichten im Umgang mit Missbrauchsfällen in keinem Fall verletzt haben. "Am einfachsten wäre es sicher für uns gewesen, Herrn Woelki hier zum Schafott zu führen", sagte Gercke bei der Vorstellung des Gutachtens. Nach der Präsentation bedankte sich Woelki und entband in einer ersten Reaktion zwei Würdenträger von ihren Ämtern.

Dinge "nicht an die große Glocke hängen"

17.03.2021, Nordrhein-Westfalen, Köln: Die Plastik des Künstlers Jacques Tilly mit dem Slogan «11 Jahre schonungslose Aufarbeitung der Missbrauchsfälle!» steht vor dem Kölner Dom. Verschiedene Initiativen, die sich mit der Aufarbeitung des sexuellen
Protest gegen die katholische Kirche vor dem Kölner Dom
© dpa, Oliver Berg, obe lop

"Im Erzbistum Köln gab es immer wieder Bestrebungen von einzelnen Verantwortungsträgern, Fälle sexuellen Missbrauchs nicht öffentlich werden zu lassen", sagte Gercke. Dinge sollten nicht "an die große Glocke" gehängt werden. "Für uns war keine Absicht der Verantwortungsträger erkennbar, die Täter einer Bestrafung zu entziehen oder weitere Missbrauchstaten zu ermöglichen. Vielmehr ging es darum, Reputationsschäden von der Kirche abzuwenden und den einzelnen Beschuldigten weiter im System Kirche zu belassen." Es habe sich das Bild eines völlig unkoordinierten, teilweise planlosen Handelns aufgedrängt. "Das macht es im Ergebnis keinen Deut besser", so Gercke.

"Wir sind auf ein System der Unzuständigkeit, der fehlenden Rechtsklarheit, der fehlenden Kontrollmöglichkeiten und Intransparenz gestoßen, das Geheimhaltung jedenfalls begünstigte und an dem viele Beteiligte auch außerhalb des Erzbistums mitwirkten", so Gercke. Die Aufarbeitung sei nicht mit dem Gutachten abgeschlossen.

Mangelhafte Aktenführung, Chaos und Vertuschung

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner steht am 23.01.2014 in Köln (Nordrhein-Westfalen) während eines Soldatengottesdienstes im Dom am Altar. In dem Gottesdienst hat der Kölner Erzbischof die Kirche zur Einfachheit aufgerufen. Foto: Oliver Berg/dpa +++
Kardinal Joachim Meisner führte einen Ordner mit dem Titel "Brüder im Nebel"
© dpa, Oliver Berg

Die Aktenführung des Bistums kritisierte Gercke als äußerst mangelhaft. "Wir haben erhebliche Mängel im Hinblick auf die Organisation des Aktenbestands sowie der Aktenführung im Erzbistum festgestellt. Wir haben bei einigen Akten den Eindruck gewonnen, dass Aktenbestandteile fehlten, da die Verfahrensführung nicht nachvollziehbar war", sagte er.

Die wesentlichen Problempunkte aus juristischer Perspektive liegen laut Rechtsanwältin Kerstin Stirner in "einem unklaren Normgefüge, einem fehlenden Bewusstsein von der Notwendigkeit der Rechtsbefolgung und einer massiven Rechtsunkenntnis der Verantwortungsträger." Das Normgefüge im Kirchenrecht bei der Behandlung von Missbrauchsfällen sei von "Unklarheit und Widersprüchlichkeit" geprägt, das bis heute keine Konkretisierung erfahren habe. "Den Verantwortungsträgern fehlte das Bewusstsein dafür, dass Gesetze den Normanwender binden und es unzulässig ist, sich aus Zweckmäßigkeitserwägungen oder subjektiven Gründen über die Vorgaben hinwegzusetzen. Vorschriften seien geheimgehalten worden, nicht allgemein verkündet oder erst nach ihrem Inkrafttreten veröffentlicht worden. Die Welle an Meldungen im Jahr 2010 hätte bei den Entscheidungsträgern Überforderung ausgelöst. "Von Mitarbeiterschulungen oder Fortbildungen zum Thema des Umgangs mit sexuellem Missbrauch wusste keiner der Verantwortungsträger zu berichten", so Stirner.

Die Untersuchung machte auch ein Grundproblem der katholischen Kirche deutlich: Sämtliche sexuellen Handlungen außerhalb der Ehe sind als sündhaft anzusehen. "Der sexuelle Missbrauch von Kindern oder Schutzbefohlenen war lange Zeit nur deshalb vom Kirchenstrafrecht erfasst, weil sich der Täter dadurch schwer gegen seine Amtspflicht verging. Nicht etwa, weil die Tat aus Opferperspektive als besonders schwerwiegend beurteilt wurde."

Das Gutachten kann auf der Internetseite des Erzbistums Köln heruntergeladen werden.