Opfer der "Gucci-Gang" in Wuppertal

So geht es dem Rentner, der von Teenagern fast totgeprügelt wurde

24. August 2019 - 10:38 Uhr

Rentner wird vermutlich für immer ein Pflegefall sein

Ali Polat kann nicht mehr schlucken, nicht mehr sprechen, er ist auf seinem rechten Auge blind, die Hälfte seines Körpers gelähmt. Aktuelle Bilder aus der Reha zeigen einen gebrochenen Mann. Lange lag der 70-Jährige im Koma, hatte Hirnblutungen, schwebte in Lebensgefahr. Kinder haben ihm das angetan. Zwei 14 Jahre alte Mitglieder der "Gucci-Gang" aus Wuppertal prügelten ihn fast tot. Nun wurde Anklage erhoben - und Polats Anwalt erhebt schwere Vorwürfe.

Ecevit Polat: "Ihn so erleben zu müssen, ist sehr hart für uns"

Die Bilder sind bedrückend, doch Ecevit Polat will, dass wir sie zeigen. Dass wir zeigen, was der Gewaltexzess zweier Teenager aus seinem Vater gemacht hat. Es sind Aufnahmen, die Ali Polat drei Monate nach der Tat bei der Reha zeigen. Dass er überhaupt noch lebt, grenzt an ein Wunder. "Ich spüre und sehe, dass es ihn sehr verärgert, dass er nicht reden kann, uns seine Gedanken nicht mitteilen kann." Im Video erzählt sein Sohn, wie es Ali Polat heute geht und wie sehr die ganze Familie unter der Situation leidet.

War Lähmung eine Folge der Schläge?

Polats Peiniger gelten als sogenannte Intensivtäter, einer von ihnen hat mehr als 100 Einträge in der Polizeiakte. Nun hat die Staatsanwaltschaft Wuppertal Anklage erhoben: wegen gefährlicher und nicht - wie zuerst gefordert - schwerer Körperverletzung. Für Polats Anwalt Carsten Rebber völlig unverständlich, es handele sich um einen Fall von schwerer Körperverletzung, da sein Mandant durch den Angriff schwere körperliche Schäden davongetragen habe.

Schwere Körperverletzung gilt per definitionem als Verbrechen und wird vom Jugendgerichtsgesetz (JGG) mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet. Auf gefährliche Körperverletzung darf hingegen nur eine Höchststrafe von fünf Jahren verhängt werden. 

Staatsanwalt Wolf-Tilman Baumert begründet die Entscheidung damit, dass Polats Lähmung nicht zweifelsfrei auf den Angriiff zurückzuführen sei. "Das ist nicht nachweisbar und uns liegen Gutachten der Gerichtsmedizin vor, nach denen nicht auszuschließen ist, dass eine Vorerkrankung des Geschädigten für den Eintritt dieser Folge verantwortlich ist." Anklagen könne man nur, was man auch beweisen könne - und das sei eine gefährliche Körperverletzung.

Dem Anwalt des Rentners sind die Hände gebunden

Rebber kann das nicht nachvollziehen. "Der Mann ist mit dem Kopf gegen die Wand und auf den Boden geschlagen worden", so der Anwalt. Außerdem sei völlig übersehen worden, dass Ali Polat seit der Attacke auf einem Auge blind ist, sein Sprachvermögen verloren hat und wahrscheinlich für immer ein Pflegefall bleiben will - Merkmale, die per Gesetz den Tatbestand der schweren Körperverletzung erfüllen.

Doch dem Anwalt sind die Hände gebunden. Hätte die Staatsanwaltschaft Anklage wegen schwerer Körperverletzung erhoben, hätten die Angehörigen des Opfers die Möglichkeit gehabt, sich bei dem Prozess durch einen Anwalt vertreten zu lassen. Nun jedoch dürfe Rebber nicht einmal das Gutachten der Rechtsmedizin einsehen, auf das sich die Staatsanwaltschaft stützt. Die Ehefrau muss ohne Anwalt vor Gericht erscheinen oder diesen aus eigener Tasche finazieren. "Die behandelnden Ärzte von Herrn Polat wurden auch nicht von der Staatsanwaltschaft gefragt, ob das Ergebnis der Rechtsmedizin überhaupt stimmig ist mit den schweren Folgen der Tat", sagt der Rechtsanwalt.

"Gucci-Gang" treibt in Wuppertal ihr Unwesen

Die beiden jugendlichen Täter waren Teil einer Jugendbande, die sich selbst als "Gucci-Gang" bezeichnet. Ihr gehören nach Angaben der Stadt Wuppertal circa 40 Kinder und Jugendliche an, die regelmäßig Straftaten begehen. Doch die Ermittler sind machtlos: Viele Bandenmitglieder sind laut Polizei jünger als 14 Jahre und damit strafunmündig.